5.1. Die Berichte des Lama Anagarika Govinda
Lama Govinda war ein buddhistischer Mönch, der als Sohn
deutscher Eltern in Deutschland aufwuchs und später zum Buddhismus
konvertierte. Er unternahm in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts eine
mehrjährige Pilger- und Forschungsreise durch Tibet, über die er in seinem Buch
„Der Weg der weißen Wolken" (Scherz Verlag, 1966) berichtete. Er gilt als
einer der bedeutendsten buddhistischen Gelehrten seiner Zeit und ist unbedingt
vertrauenswürdig. Die folgenden Berichte über Reinkarnationen entstammen dem
oben genannten Buch, sie sind von mir manchmal gekürzt, aber sonst nicht verändert
worden.
5.1.1. Tomo Gesche Rimpotsche
Tomo Gesche Rimpotsche war ein sehr gelehrter und vor
allem sehr weiser Mönch und lebte im Dungkar-Gompa, im Kloster der Weißen Muschel,
in Tibet. Während eines Aufenthalts in diesem Kloster war Lama Govinda sein
Schüler. Tomo Gesche Rimpotsche starb 1937 im Alter von 72 Jahren. Er hatte die
Mönche zuvor wissen lassen, dass er bald seinen Körper, der ihm zur Last
geworden war, verlassen werde. „Aber", sagte er, „das ist kein Grund zur
Trauer für euch. Ich verlasse weder euch, noch gebe ich mein Wirken für den
Dharma (die Lehre) auf. Aber statt diesen Körper weiterzuschleppen, werde ich
in einem neuen wiederkehren. Ich verspreche euch, dass ich zu euch zurückkommen
werde. In drei oder vier Jahren dürft ihr nach mir Ausschau halten." (S.
180) Lama Govinda berichtet weiter (S. 191 ff.):
Tomo Gesche Rimpotsche (...) hielt sein Versprechen. Nie
hatte ich jedoch geahnt, dass sich seine Wiedergeburt gerade in dem Haus
ereignen sollte, in dem ich als Gast während meines ersten Ausflugs nach Tibet
verweilt hatte, dem gleichen Haus, das ich während meiner Pilgerfahrt zum
Eremiten-Abt von Latschen erneut besuchte: das Haus des Entsche Kasi (in Gangtok
in der nordindischen Provinz Sikkim, unweit der tibetischen Grenze). Aus
Entsche Kasis eigenem Mund erfuhr ich die Einzelheiten von Tomo Gesches
Wiedergeburt und seiner Identifizierung und Auffindung mit Hilfe des großen
Staatsorakels von Netschung bei Lhasa. (Im oben genannten Buch von Lama Govinda
findet sich je ein Kapitel über das Staatsorakel von Netschung, über das Orakel
von Dungkar Gompa und über die Lebensgeschichte eines Orakelpriesters. Die
Lektüre ist geeignet, auch einen hartgesottenen westlichen Rationalisten
nachdenklich zu machen. S. P.)
Da
mir Entsche Kasi als ein aufrichtiger und tief religiöser Mensch bekannt ist,
kann ich mich für die Wahrhaftigkeit seines Berichtes, bei dem auch Li Gotami
(die Reisegefährtin Lama Govindas, S. P.) zugegen war, verbürgen. Trotz der
Tatsache, dass er als Vater eines Tulku (d. i. ein Lama mit der Fähigkeit, sein
nächstes Leben zu beeinflussen und nach der Wiedergeburt Hinweise auf seine
frühere Identität zu geben, S. P.) alle Ursache hatte, hierauf stolz zu sein,
war sein Bericht von Trauer erfüllt, denn er hatte seine Frau kurz nach der
Geburt des Kindes verloren; und wenige Jahre später, als es sich herausstellte,
dass dieses Kind niemand anderer war als die Wiedergeburt Tomo Gesches, musste
er auch diesen, seinen einzigen Sohn hergeben. Nur angesichts der überwältigenden
Beweise, und um der Zukunft des Knaben nicht im Wege zu stehen, der sich nichts
sehnlicher wünschte, als „in sein Kloster zurückzukehren", gab der Vater
endlich nach und erlaubte ihm, die Reise nach Dungkar in Begleitung der von
dort ausgesandten Mönche anzutreten. Der Maharadscha von Sikkim selbst hatte
den Vater beredet, nicht dem Schicksal seines Sohnes vorzugreifen, das durch
das große Orakel von Netschung offenbart und durch des Knaben eigene Aussagen
und sein ganzes Verhalten bestätigt worden war. Letzterer hatte immer schon
behauptet, nicht Sikkimese, sondern Tibeter zu sein, und wenn sein Vater in
„putschung" (kleiner Sohn) nannte, pflegte er zu protestieren und zu
sagen, sein Name sei Jigme (der Furchtlose). Dies aber war tatsächlich der
Name, den das Orakel von Netschung als den Namen erwähnt hatte, unter dem Tomo
Gesche wiedergeboren werden würde.
Die Tatsache, dass das Staatsorakel aufgerufen worden war, zeigt, welche Bedeutung man der Auffindung Tomo Gesches Wiedergeburt beimaß. Augenscheinlich war das lokale Orakel in Dungkar nicht imstande gewesen, einen klaren Hinweis zu geben; es hatte darum die Behörden in Lhasa veranlasst, weitere Auskünfte von Netschung einzuholen. Letzteres hatte tatsächlich nicht nur die Richtung angegeben, in der das Kind zu finden sei, sondern auch eine eingehende Beschreibung der Stadt und der engeren Lokalität geliefert, in der das Kind geboren worden sei. Aus allen angegebenen Einzelheiten wurde es klar, dass kein anderer Ort gemeint sein konnte als Gangtok. Weitere Informationen gaben das Jahr an, in dem der Knabe geboren wurde, sowie das genaue Alter des Vaters und der Mutter; ja sogar eine Beschreibung des Hauses, in dem sie lebten, und der Bäume, die in dem das Haus umgebenden Garten wuchsen, wurde angegeben. Zwei Obstbäume, die sich vor dem Haus befanden, wurden als ein besonderes Kennzeichen erwähnt.
Eine
Delegation von vertrauenswürdigen älteren Mönchen wurde somit nach Gangtok
entsandt, und im Besitz all dieser Informationen gelang es ihnen, den Knaben zu
finden, der zu jener Zeit etwa vier Jahre alt war. Sobald die Mönche den Garten
betraten und sich dem Haus näherten, rief der Knabe: „Vater, meine Leute sind
gekommen, um mich zu meinem Gompa zurückzubringen!" Und er lief ihnen
entgegen, vor Freude hüpfend – aber zur großen Bestürzung des Vaters, der noch
nicht bereit war, seinen Sohn herzugeben. Dieser aber flehte den Vater an, ihn
gehen zu lassen, und als die Mönche die verschiedenartigsten religiösen
Gegenstände, wie Gebetsketten, vajras, Glocken, Teetassen, hölzerne Ess- und
Trinkschalen, kleine Handtrommeln und andere mönchische Gebrauchsgegenstände
vor dem Knaben ausbreiteten, war er ohne Zögern imstande, all diejenigen Sachen
herauszusuchen, die er in seinem früheren Leben benutzt hatte, während er
ebenso entschieden alle Artikel zurückwies, die ihm nicht gehört hatten und
die man absichtlich mit seinen Sachen vermischt hatte, um ihn zu prüfen. Obwohl
viele dieser Zutaten sehr viel anziehender aussahen als die echten Artikel,
ließ er sich nicht täuschen.
Der Vater, der alle diese Beweise sah und sich der vielen Anzeichen von des Knaben außergewöhnlicher Intelligenz und vieler bis dahin unverständlicher Absonderlichkeiten erinnerte, ließ sich schließlich überzeugen und gab, wenn auch schweren Herzens und auf Zureden des Maharadscha, seine Zustimmung zur Rückkehr des Knaben in sein tibetisches Kloster in Begleitung der für ihn ausgesandten Mönche.
Auf der Reise
zum Dungkar Gompa begegnete die Karawane dem Amtschi, dem tibetischen Arzt, der
Tomo Gesche während seiner letzten Lebensjahre betreut hatte. Der Knabe
erkannte ihn und rief: „D Amtschi, kennst du mich nicht mehr? Erinnerst du dich
nicht, dass du mich behandeltest, als ich in meinem früheren Körper erkrankt
war?"
Auch in Dungkar
erkannte er einige der älteren Mönche und – was ganz besonders bemerkenswert
war – der kleine Hund, der sein ständiger Begleiter während seiner letzten
Lebensjahre gewesen war, erkannte ihn sofort und war außer sich vor Freude, mit
seinem geliebten Herrn wiedervereint zu sein.
Tomo Gesche hatte somit sein Versprechen eingelöst, und
die Menschen strömten wieder von nah und fern zum Dungkar Gompa, um dem Guru
ihre Aufwartung zu machen und seinen Segen zu empfangen. Der kleine Knabe
beeindruckte jeden, der ihn sah, durch seine selbstsichere und würdige
Haltung, mit der er auf seinem Thronsitz in der großen Tempelhalle saß, Rituale
und Rezitationen bei festlichen Anlässen leitete oder Pilger empfing und
segnete – während er in jeder anderen Hinsicht sich natürlich und spontan gab
wie jeder andere Knabe seines Alters. Aber während religiöser Handlungen war
es, als ob durch die unschuldig-reinen und transparenten Züge des Kindes das
Antlitz eines an Jahren und Weisheit reifen Mannes sichtbar würde. Und bald
wurde es offenbar, dass er das Wissen, das er in seinem früheren Leben erworben
hatte, nicht vergessen hatte. Seine Erziehung war nur eine Auffrischung, ein
Sich-ins-Gedächtnis-Rufen des früher Gelernten. Er machte so schnelle
Fortschritte, dass seine Lehrer in Dungkar ihn sehr bald nichts mehr lehren
konnten. Aus diesem Grunde wurde er bereits im Alter von sieben Jahren nach
Sera, einer der großen Klosteruniversitäten in der Nähe von Lhasa geschickt, um
höheren Studien obzuliegen und seinen Doktortitel (Gesche) wieder zu erwerben.
All dies mag dem kritischen Verstand eines im Westen
aufgewachsenen Menschen unglaubhaft erscheinen, und ich gebe zu, dass ich
selbst es nur schwer geglaubt haben würde, wäre ich nicht ähnlichen Fällen
begegnet, die mich davon überzeugten, dass die Idee der Wiedergeburt mehr ist
als eine Theorie oder ein unbegründeter Glaube, – Fälle, die zugleich den
Beweis erbrachten, dass es möglich ist, wesentliche Einzelheiten und
Errungenschaften früherer Leben im gegenwärtigen Leben zu erinnern.
5.1.2. Maung Tun Kyaing (a. a. O. S.
208 ff.)
In Maymyo, der
Sommerresidenz der damaligen burmesischen Regierung in den nördlichen Schanstaaten
(...) hörten wir von einem kleinen Knaben, dessen Name Maung Tun Kyaing war und
der im vollen Besitz vorgeburtlicher Erinnerung und vorgeburtlichen Wissens
war, sodass selbst der Gouverneur von Burma (Sir Henry Butler) ihn in seine
Residenz in Maymyo einlud, um sich von der Wahrheit dieses außergewöhnlichen
Phänomens zu überzeugen. Der Knabe machte einen so günstigen Eindruck auf den
Gouverneur und auf alle, die während jenes denkwürdigen Interviews zugegen
waren, dass man den Knaben ermutigte, überall im Land seine frohe Botschaft zu
verkünden und selbst die Gefängnisse zu besuchen, um Licht und Hoffnung all
denen zu bringen, die in tiefster Dunkelheit befangen waren. Seit jener Zeit
wanderte er von Ort zu Ort, und Tausende von Menschen lauschten begeistert
seinen Worten. (...)
Als wir das
Kloster erreichten, in dem Maung Tun Kyaing sich aufhielt, war er gerade im
Begriff, zu einer großen Volksmenge zu sprechen, die den Vorhof des Tempels bis
auf den letzten Platz ausfüllte. Es war ein erstaunlicher Anblick, einen
kleinen Knaben mit der Ruhe und Selbstsicherheit eines geübten Redners sprechen
zu sehen.
Maung Tun
Kyaing war damals sieben Jahre alt. Seine Lebensgeschichte erfuhr Lama Govinda
zum größten Teil von seinem Vater, einem einfachen und offen- herzigen Mann;
sie wurde von Maung Tun Kyaing und den anwesenden Mönchen und Laien bestätigt.
Maung Tun
Kyaing war der Sohn armer Strohmattenflechter, die weder lesen noch schreiben
konnten. Als er vier Jahre alt war, nahm ihn der Vater zusammen mit seinem
jüngeren Bruder zu einem Jahrmarkt in einem benachbarten Dorf mit. Als sie sich
dem Dorf näherten, begegneten sie einem Mann mit einem Bündel Zuckerrohr, das
er auf dem Markt feilhalten wollte. Als er die beiden Kinder sah und sich wohl
dachte, dass der Vater zu arm sei, um etwas kaufen zu können, schenkte er jedem
der beiden Knaben ein Stück Zuckerrohr. Während der kleinere von ihnen begierig
sein Stück zum Munde führte, ermahnte Maung Tun Kyaing ihn, nicht zu essen,
bevor er dem Geber gedankt oder einen Segenswunsch für ihn gesprochen hätte
(...). Während er so zu ihm sprach, war es, als ob die Tore seines
Gedächtnisses plötzlich aufgestoßen wurden, und unter dem Eindruck aufwallender
Erinnerung bat er den Vater, ihn auf die Schulter zu heben, damit er über die
Tugend des Gebens (die in der Lehre des Buddha als die erste der „zehn großen
Tugenden" gilt) predigen könne. Der Vater gewährte gutmütig lächelnd
seinen Wunsch, den er für eine kindliche Laune hielt. Aber zu seiner und der
Umstehenden Überraschung begann der Knabe eine Predigt über den Segen des
Gebens zu halten, wie selbst ein religiöser Lehrer es nicht besser hätte tun
können. Mehr und mehr Leute versammelten sich um den kleinen Prediger, sodass
der Vater ganz verwirrt wurde über die plötzliche Veränderung, die in dem Kinde
vor sich gegangen war. Der Knabe blieb jedoch davon unberührt und sagte,
nachdem er seine Predigt beendet hatte: „Komm, Vater, wir wollen zu meinem Kyaung
gehen." „Was meinst du mit »deinem Kyaung«?"
„Das Kloster dort! Kennst du es nicht?"
„Ich erinnere
mich nicht, dass du je dort gewesen wärst", erwiderte der Vater. „Aber
gehen wir trotzdem hin und sehen es uns an."
Als sie das
Kloster erreichten, trafen sie einen älteren Mönch, der, wie sich
herausstellte, der Abt des Kyaung war. Maung Tun Kyaing aber schien in Gedanken
verloren zu sein und schaute ihn an, ohne ihn der Sitte gemäß zu begrüßen. Der
Vater schalt ihn daher und sagte: „Willst du nicht dem ehrwürdigen Thera den
schuldigen Respekt erweisen?" – Worauf der Knabe den Abt grüßte, als wenn
er seinesgleichen wäre, anstatt sich vor ihm in der vorgeschriebenen Weise zu
verneigen und mit der Stirn den Boden zu berühren.
„Weißt du
nicht, wer ich bin?" fragte der Abt.
„Gewiss, ich
weiß es", sagte der Knabe ohne die geringste Verlegenheit. Und als der Abt
ihn verwundert anschaute, erwähnte der Knabe den Namen des Thera.
„Woher weißt du
das? Hat dir jemand meinen Namen gesagt?"
„Nein",
entgegnete der Knabe. „Erinnerst du dich meiner nicht mehr? Ich war dein
Lehrer, U Pandeissa."
Der Abt war
aufs Höchste überrascht, aber um sicher zu gehen, fragte er den Knaben: „Wenn
dem so ist, so wirst du auch wissen, wer ich war, bevor ich in den Orden trat.
Wenn du dich daran erinnerst, so flüstere den Namen in mein Ohr."
(Anmerkung in einer Fußnote: Wenn jemand in den Orden eintritt, beginnt er ein
völlig neues Leben, erhält einen neuen Namen und gebraucht von da an nie mehr
seinen früheren Namen. Ein Ordensmitglied mit seinem Laiennamen anzureden,
würde einer Beleidigung gleichkommen (...))
Der Knabe tat,
wie ihm geheißen. Und als der Thera seinen Namen hörte, den niemand kannte
außer ihm und den wenigen, die ihn noch aus seiner Jugend erinnerten und mit
ihm alt geworden waren, fiel er dem Knaben zu Füßen, berührte den Boden mit der
Stirn und rief mit Tränen in den Augen aus: „Ich weiß es nun – du bist wirklich
mein Lehrer."
Er führte ihn,
zusammen mit seinem Vater und seinem kleinen Bruder, ins Kloster, wo Maung Tun
Kyaing sich jeder Einzelheit erinnerte und sogleich auf den Raum im östlichen
Flügel des Gebäudes hinwies, in dem er gewohnt hatte, und ebenso auf den Platz,
an dem er zu meditieren pflegte, auf die von ihm besonders verehrte
Buddhastatue, vor der er täglich Lichter und Weihrauch angezündet hatte, und
auf vieles andere, an das auch der alte Thera sich erinnern konnte. Es waren ja
noch nicht so viele Jahre verflossen, seit U Pandeissa, der Abt von Yunkyaung
(wie das Kloster hieß) gestorben war.
Das Wichtigste
und Bedeutsamste aber war, dass Maung Tun Kyaing sich nicht nur an die allgemeinen
Umstände seines früheren Lebens erinnerte, sondern dass er auch sein früheres
Wissen bewahrt hatte. Als der Thera ihm einige alte Pali-Texte zeigte, erwies
der Knabe sich als fähig, sie zu lesen und zu verstehen, obwohl er nie eine
Schule besucht hatte und in einem Heim aufgewachsen war, in dem niemand lesen
oder schreiben konnte – gar nicht zu reden von irgendwelchen Kenntnissen der
Pali-Sprache. (...)
5.1.3.
Shanti Devi (a.a.O. S. 222 ff.)
Ein
kleines Mädchen namens Shanti Devi, das mit seinen Eltern in Delhi lebte,
behauptete, dass es verheiratet sei und dass sein Ehemann, Kedarnath Chaubey,
zusammen mit seinem Sohn in Muttra lebe, einer Stadt, die etwa 150 km von Delhi
entfernt liegt. Als das Mädchen über diese Dinge zu sprechen begann, war es
kaum drei Jahre alt, und niemand schenkte seinen Aussagen Beachtung, in der
Annahme, dass es nur kindliches Spiel sei, in Nachahmung von Gesprächen
Erwachsener. Als aber das Mädchen etwa acht Jahre alt war und noch immer auf
seinen Aussagen betreffs seines Gatten und seines Sohnes beharrte, begann sein
Großonkel, Professor Kishen Chand, zu vermuten, dass es sich doch vielleicht um
mehr als kindliche Phantasie handle. Er fand heraus, dass in der von Shanti
Devi beschriebenen Örtlichkeit in Muttra tatsächlich jemand mit dem Namen
Kedarnath Chaubey lebte. Der Professor setzte sich sofort mit Chaubey in
Verbindung und erzählte ihm alles, was das Mädchen gesagt hatte. Dies war ein
ziemlicher Schock für Chaubey, der inzwischen wieder geheiratet hatte. Zugleich
aber befürchtete er, dass jemand dem Professor und ihm einen Streich zu spielen
versuchte. Als sich jedoch herausstellte, dass alle Einzelheiten stimmten, gab
er schließlich seine Einwilligung, Shanti im Hause ihrer Eltern aufzusuchen.
Am 13. November
1935 reiste Kedarnath Chaubey mit seiner zweiten Frau und seinem zehnjährigen
Sohn aus erster Ehe nach Delhi. Shanti war von ihrem Kommen nicht
benachrichtigt worden. Sobald sie jedoch den Raum betrat, in dem ihre Eltern
und die Besucher versammelt waren, erkannte sie Kedaranth als ihren früheren
Gatten und den Knaben als ihren Sohn. Sie umarmte den Knaben mit Tränen in den
Augen und nannte ihn mit allen Kosenamen, deren ihr früherer Gatte sich so
lebhaft erinnerte. Wenn er noch irgendwelchen Zweifel an Shantis Identität
gehegt hatte, so war nun die letzte Spur davon getilgt. Das Mädchen erinnerte
ihren früheren Gatten auch an kleine intime Geschehnisse ihres Ehelebens, die
nur ihnen bekannt waren, und das machte den Beweis vollständig.
Nun wurden auch
andere Leute auf den Fall aufmerksam, und Deshbandu Gupta, der Präsident der
AII-India Newspaper Editor's Conference und Mitglied des indischen Parlaments,
nahm weitere Nachforschungen auf, um sich von der Wahrheit von Shantis
vorgeburtlichen Erinnerungen zu überzeugen. Er nahm sie daher mit sich nach
Muttra und bat sie, ihm und den anderen, die mit ihnen gekommen waren, den Weg
zu ihrem früheren Heim zu zeigen. Sie nahmen eine Tanga (einen zweirädrigen
Pferdewagen), und Shanti wies mit unbeirrbarer Sicherheit den Weg durch viele
enge Gassen
und die gewundenen Straßen der Stadt zu dem Haus, in dem sie mit ihrem Gatten
gelebt hatte. Sie bemerkte sogleich, dass das Haus in einer anderen Farbe
gestrichen war als zu ihrer Zeit. „Ich erinnere mich, dass es gelb war und
nicht weiß, wie es jetzt ist", rief sie aus. Dies erwies sich als richtig.
Kedarnath hatte das Haus nach ihrem Tode verlassen, und seine neuen Bewohner
hatten es weiß tünchen lassen. Kedarnath brachte die Gesellschaft sodann zu
seiner neuen Wohnung, und danach führte Shanti sie zum Haus ihrer früheren
Mutter. Auch hier bemerkte sie sogleich gewisse Veränderungen. „Im Garten war
ein Ziehbrunnen", sagte sie. „Was ist damit geschehen?" Sie zeigte
auf die Stelle, wo er gewesen war, und als man dort nachgrub, fand man den
Brunnen unter einer großen Steinplatte, die mit Erde überdeckt worden war.
Shanti erkannte auch ihre früheren Eltern wieder und ihren früheren
Schwiegervater, einen vom Alter gebeugten Brahmanen. – So hatten sich alle ihre
Erinnerungen bis in die letzte Einzelheit als wahrheitsgemäß erwiesen. (...)
Shanti Devi hat
nie geheiratet, sondern weihte ihr Leben dem Dienst ihrer Mitmenschen. Sie
wurde eine erfolgreiche Lehrerin an einer höheren Schule Delhis. Freunde, die
sie persönlich kennen, sagten mir, dass sie ein tiefreligiöses Leben führt und
einen Ashram zu gründen beabsichtigt, in dem sie sich völlig ihrer sadhana
(ihrer religiösen Hingabe) und denen, die ihre religiösen Ideale teilen, widmen
kann.
5.1.4. Lama Anagarika Govinda (a. a. O. S.
231 ff.)
Ich möchte dieses
Kapitel abschließen mit dem Bericht über eine Wiedergeburtserfahrung, die Lama
Govinda selbst betrifft. Er hatte zwar keine bewusste – oder, wie Stevenson es
nennt, bildhafte – Erinnerung an ein Vorleben, aber seine frühere Existenz
wirkte sich auf verschiedene Weisen in seinem gegenwärtigen Leben aus. Der
folgende Bericht schildert, wie er sich dieser Auswirkungen schließlich
bewusst wurde.
Im Alter von
einundzwanzig Jahren – bereits überzeugter Buddhist, aber noch kein Mönch –
lebte er auf der Insel Capri, und nahm dort eines Tages aus Neugier an einer
spiritistischen Seance teil, wie sie damals in Mode waren. Er berichtet
darüber:
Als der schwere
Mahagonitisch sich zu bewegen begann, machte einer der Teilnehmer den Vorschlag,
Fragen über die vorgeburtlichen Existenzen der Anwesenden zu stellen. (...) Als
der Frager sich über mein früheres Leben erkundigte, buchstabierte der Tisch
einen Namen, der augenscheinlich lateinisch war und den niemand der Anwesenden
je gehört hatte. Auch ich war verwundert, obgleich mir war, als ob ich einen
solchen Namen gelegentlich in einer Bibliographie gelesen hätte, und zwar als
Pseudonym eines weniger bekannten Autors, dessen Name mir entfallen war. Auf
jeden Fall maß ich dieser Antwort keine Bedeutung bei. (...)
Einige Zeit
danach geschah es, dass ich einem anderen Freund, einem jungen deutschen
Archäologen, eine Geschichte vorlas, die ich in meiner Kindheit geschrieben
hatte und die den Anfang einer mystischen Novelle darstellte, in der ich meinen
religiösen Überzeugungen und inneren Erfahrungen Ausdruck verleihen wollte.
Mein Freund war einige Jahre älter als ich; ich hatte große Achtung vor seinem
literarischen und kunstgeschichtlichen Wissen und schätzte sein reifes Urteil.
Nachdem ich
eine Weile gelesen hatte, unterbrach er mich plötzlich und rief: „Woher hast du
dies? Hast du je etwas gelesen von --", und hier erwähnte er denselben
Namen, an dem ich und die anderen Teilnehmer an der erwähnten Seance
herumgerätselt hatten.
„Das ist
wirklich sonderbar", sagte ich. „Das ist jetzt das zweite Mal, dass ich
diesen Namen höre." Und dann erzählte ich ihm, wie der Name in der Seance
aufgetaucht war.
Mein Freund
erklärte mir daraufhin, dass dieser Autor eine ähnliche Novelle zu schreiben
begonnen habe, ohne sie je zu beenden, weil er in sehr jungen Jahren gestorben
sei, und zwar an derselben Krankheit (Tuberkulose, S. P.), die mich zum
Aufenthalt in einem Sanatorium des Tessins gezwungen hatte, wo mein Freund und
ich uns kennen gelernt hatten. Nicht nur der Hintergrund meiner Geschichte und
die darin ausgesprochenen Ideen glichen denen jenes Autors, sondern sogar der
Stil, die besondere Art der Phantasie, die Symbole und gewisse typische
Phrasen.
Ich war aufs
Höchste überrascht und versicherte meinem Freund, dass ich nie in meinem Leben
eine Zeile dieses Autors gelesen hätte. Das war nicht weiter verwunderlich,
denn er war vor etwa hundert Jahren gestorben und zu meiner Zeit noch nicht so
populär, dass er in das normale Pensum einer höheren Schule aufgenommen worden
wäre. Tief beeindruckt von den Worten meines Freundes, beschloss ich, mir
sofort die Werke, von denen er gesprochen hatte, zu beschaffen. Bevor ich sie
aber bekommen konnte (da sie in italienischen Buchhandlungen nicht zu haben
waren), geschahen andere seltsame Dinge.
Ich war eines
Tages zu einer Geburtstagsgesellschaft eingeladen, auf der, wie dies in Capri
meist der Fall war, die verschiedensten Nationalitäten vertreten waren. Unter
den Gästen befand sich auch ein deutscher Gelehrter, der soeben erst auf der Insel
zu einem kurzen Aufenthalt eingetroffen war und den ich bisher nicht kennen
gelernt hatte. Als ich den Raum betrat, in dem die Gäste versammelt waren, nahm
ich den Ausdruck äußerster Überraschung auf dem Gesicht des Neuankömmlings
wahr; und selbst nachdem ich ihm vorgestellt worden war, fühlte ich dauernd
seinen Blick auf mir ruhen.
Einige Tage
später begegnete ich der Gastgeberin jener Geburtstagsgesellschaft wieder und
fragte sie: „Wer war der Herr, dem Sie mich neulich vorstellten? Ich wunderte
mich, warum er mich die ganze Zeit anstarrte. Ich habe ihn nie zuvor getroffen
und kann mich nicht einmal seines Namens erinnern."
„Sie meinen
Doktor X.? – Nun, der ist
schon wieder abgereist. Aber ich kann Ihnen sagen, was ihn so sehr an Ihnen
interessierte. Er schreibt die Biographie eines deutschen Dichters und
Mystikers, der vor etwa einem Jahrhundert starb und dessen Schriften er neu
herausbringt. Als Sie ins Zimmer traten, konnte er kaum seiner Überraschung
Herr werden – wie er mir später sagte – wegen der frappanten Ähnlichkeit
zwischen Ihnen und dem einzigen erhaltenen Porträt jenes Dichters aus der Zeit,
da er in Ihrem Alter war. Die Ähnlichkeit sei so außergewöhnlich, dass es ihn
fast wie einen Schock getroffen habe."
Eine weitere
Überraschung harrte meiner. Als die von mir bestellten Bücher endlich
eintrafen, erkannte ich nicht nur wesentliche Teile „meiner" Geschichte
wieder, sondern fand, dass gewisse Stellen wörtlich mit denen von mir in meiner
Kindheit geschriebenen übereinstimmten! Je weiter ich las, desto klarer wurde
es mir, dass ich meine eigenen innersten Gedanken darin wiedergegeben fand, und
zwar genau in den Worten und Bildern, die ich selbst zu brauchen pflegte. Es
war aber nicht nur meine Vorstellungswelt, die ich in jedem Detail widergespiegelt
fand; ich entdeckte dort noch etwas viel Wichtigeres, etwas, das mir als das
Hauptwerk meines gegenwärtigen Lebens vorschwebte: die Umrisse einer
Morphologie der menschlichen Kultur, die in einer magischen Schau des Universums
gipfelte. (...)
Bei dem Dichter, von dem hier wiederholt
die Rede war, handelt es sich offensichtlich um den Freiherrn Georg Philipp
Friedrich Leopold von Hardenberg, der seine Werke unter dem Pseudonym Novalis
veröffentlichte. Er starb 1801 – neunundzwanzigjährig – an Tuberkulose.
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