5.2. Die Forschungsergebnisse Ian Stevensons
Ian Stevenson war Professor an der Universität
von Virginia (USA), in deren Besitz und Obhut sich auch die Dokumentationen
seiner Arbeiten ("ungemein objektiv und methodisch über jeden Zweifel
erhaben" – Wissenschaftsmagazin Omni) befinden. Stevenson sammelte und
untersuchte mit seinen Mitarbeitern seit den frühen sechziger Jahren Berichte
kleiner Kinder aus der ganzen Welt über frühere Leben. Die Ergebnisse hat er in
einer großen Zahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen dargestellt sowie
in einer allgemeinverständlichen Zusammenfassung, auf die ich mich hier
beziehe (Stevenson, Wiedergeburt, Kinder erinnern sich an frühere Erdenleben,
Verlag Zweitausendeins 1992). In diesem Buch sind unter anderem die
Zusammenfassungen von zwölf Fallbeschreibungen enthalten. (Insgesamt hat er
fünfundsechzig detaillierte Fallstudien veröffentlicht, und mehr als hundert
befanden sich in Vorbereitung. Seine Sammlung von untersuchten Fällen, die
Reinkarnation als Erklärung nahe legen – wobei seine Kriterien sehr streng sind
– umfasst mehr als zweitausend Fälle.) Ferner enthält das Buch eine umfassende
Bibliographie zum Thema sowie einen umfangreichen Apparat von
wissenschaftlichen Anmerkungen und Quellenangaben für ernsthafte Interessenten.
Im Vorwort schreibt er:
Ich würde es
missbilligen, wenn jemand, – allein durch die Lektüre dieses Buches –- vom
Skeptizismus oder von Unwissenheit bezüglich der Reinkarnationslehre zu einer
gefestigten Überzeugung gelangte, dass Reinkarnation auftritt. Ich würde schon
zufrieden sein, wenn es mir gelingt, die Idee der Reinkarnation solchen
Menschen plausibel zu machen, denen sie bisher nicht einleuchtend erschienen
ist; und wenn einige von ihnen es der Mühe Wert erachten, das Material in
meinen detaillierten Fallbeschreibungen zu studieren, dann habe ich mehr
erreicht, als ich mir vorgenommen habe. (...)
Es mag
widersprüchlich scheinen, gerade nachdem ich die Leser eingeladen habe, mir
Informationen über neue Fälle zu schicken, dass ich mit diesem Buch auch von
einem absichtlichen Suchen nach Erinnerungen an frühere Leben abraten möchte –
sei es durch Drogen, Meditation oder Hypnose. Unglücklicherweise haben einige
Hypnotiseure behauptet, dass jedermann Erinnerungen an frühere Leben durch
Hypnose wiedergewinnen könne, und großer therapeutischer Nutzen wird für diese
Technik beansprucht oder angedeutet. Ich werde versuchen, einen irregeleiteten
und oft schamlos ausgebeuteten Enthusiasmus für Hypnose zu dämpfen, besonders
wenn sie als sicheres Mittel vorgeschlagen wird, Erinnerungen an frühere Leben
hervorzurufen.
Nachdem sich
andere Methoden der Materialgewinnung als unbefriedigend und für
wissenschaftliche Zwecke unbrauchbar erwiesen hatten, beschränkte sich
Stevenson auf die Sammlung und Auswertung spontaner Äußerungen kleiner Kinder.
Als Gründe für seine hohe Bewertung dieser Aussagen nennt er:
Mit seltenen
Ausnahmen sprechen die Kinder aus eigenem Antrieb; niemand hat ihnen
nahegelegt, zu versuchen, sich eines früheren Lebens zu erinnern. In dem jungen
Alter, in dem sie gewöhnlich erstmals über die früheren Leben sprechen, haben
sie auf normalen Wegen noch nicht viel Informationen über verstorbene Personen
(die sie früher angeblich gewesen waren, S.P.) aufgenommen. Darüber hinaus
können wir gewöhnlich in zufrieden stellender Weise die Wahrscheinlichkeit
dafür abschätzen, dass sie, was immer sie an Informationen über solche Personen
mitteilen, auf normalem Weg erworben haben.
Auf die zwölf
dargestellten Fälle selbst brauche ich hier nicht einzugehen, da sie gegenüber
den von Lama Govinda berichteten nichts Neues enthalten.
Im Anschluss
an die Falldarstellungen
berichtet Stevenson über (gelegentlich) wiederkehrende Charakteristika der
Fälle. Dazu gehören
·
Voraussagen der Inkarnation vor dem Tod
·
Ankündigungsträume der Wiedergeburt, im allgemeinen bei der
künftigen Mutter
·
Muttermale und angeborene Missbildungen aus dem früheren Leben.
Über die
Modalitäten der Aussagen der Kinder über das frühere Leben berichtet
Stevenson:
Ein Kind, das
über ein früheres Leben spricht, beginnt damit nahezu immer im Alter zwischen zwei
und fünf Jahren. In einer Stichprobe von zweihundertfünfunddreißig Fällen in
Indien und neunundsiebzig amerikanischen Fällen betrug das Durchschnittsalter,
in dem Kinder über das frühere Leben zu sprechen begannen, jeweils
achtunddreißig Monate.
Wenn ein
kleines Kind bildhafte Vorstellungen von einem früheren Leben hat, so fehlen
ihm fast immer die verbalen Fähigkeiten, das auszudrücken, was es sagen möchte.
Trotzdem beginnen einige Kinder, über das frühere Leben zu sprechen, ehe ihre
verbalen Fähigkeiten weit genug entwickelt sind, die Bilder in ihrer
Vorstellung adäquat auszudrücken. Diese Kinder sprechen oft einzelne Wörter
falsch aus und verwenden Gesten, um ein unzureichendes Vokabular auszugleichen.
Die Fülle der
Details, die erinnert werden, variiert bei den Kindern beträchtlich. Manche
erinnern sich nur an weniges aus dem früheren Leben; andere könnten Bände mit
ihren Erinnerungen füllen. Wenn diese Details nicht aufgezeichnet werden, gehen
sie meist größtenteils verloren. Denn die Kinder hören fast immer im Alter
zwischen fünf und acht Jahren auf, über das frühere Leben zu sprechen, einige
schon früher und einige erst später. So stehen, von wenigen Ausnahmen
abgesehen, kaum mehr als drei Jahre zur Verfügung, um diese Erinnerungen
anderen mitzuteilen. Etwa im Alter von fünf Jahren beginnen starke Schichten
verbaler Information die Bilder zu überdecken, in denen seine Erinnerungen
anscheinend hauptsächlich übermittelt werden; der Verlust der Erinnerungen an
ein früheres Leben setzt ein und beendet weitere Mitteilungen derselben.
Über das Verhalten des Kindes
in Bezug auf das frühere Leben führt Stevenson aus:
Die Subjekte
dieser Fälle weisen oft eine oder auch zwei Arten von Verhaltensweisen auf, die
in ihrer Familie nicht gebräuchlich sind.
Erstens mag das
Kind Emotionen in Bezug auf die Familie des früheren Lebens zeigen, die mit seinen
Erinnerungen in Einklang sind. (...)
Der zweite Typ
ungewöhnlichen Verhaltens besteht in Charakterzügen (wie Ängsten, Vorlieben,
Interessen und besonderen Fähigkeiten), die für die Familie des Kindes
ungewöhnlich sind, aber Eigenschaften entsprechen, von denen man bei der
früheren Persönlichkeit wusste oder von denen man vernünftigerweise annehmen
konnte, sie habe sie besessen. Die anderen Angehörigen der Familie zeigen in
solchen Fällen entweder keine ähnlichen Charakterzüge, oder sie weisen sie in
geringerem Umfang auf; und die Entwicklung dieser Züge kann nicht auf
irgendwelche Ereignisse zurückgeführt werden, die dem Kind widerfuhren, ehe
diese Züge sich manifestiert haben.
Phobien,
die in Zusammenhang mit der Todesart der früheren Persönlichkeit stehen, haben
mich besonders beeindruckt. Sie kommen häufig vor. Unter
zweihundertzweiundfünfzig Fällen, in denen die frühere Persönlichkeit gewaltsam
gestorben war, stellten wir in einhundertsiebenundzwanzig Fällen (50%) Phobien
fest. Wenn die frühere Persönlichkeit ertrunken ist, kann es leicht zu einer
Wasserphobie kommen; wenn sie erschossen wurde, so neigt das Subjekt dazu, eine
Phobie bezüglich Schusswaffen zu entwickeln. (...)
Vorliebe für
bestimmte Nahrungsmittel (und auch Abneigungen dagegen) bilden eine andere
große Kategorie ungewöhnlichen Verhaltens, das die Subjekte dieser Fälle
zeigen. (...)
Für sich genommen,
sind nur wenige dieser Verhaltensweisen spezifisch für diese Fälle; viele Kinder
weisen sie auf und ebenso manche Erwachsene. Aber als Gesamtheit betrachtet
sind sie eindrucksvoll, da diese Kinder oft ein Syndrom von Verhaltensweisen
zeigen, die sie von anderen Familienmitgliedern unterscheiden, aber den
Menschen charakterisieren, der gewesen zu sein das Subjekt behauptet. (Hier
folgt im Text eine Reihe eindrucksvoller Beispiele. S.P.)
Diese so genannten Verhaltenserinnerungen
bleiben oft länger bestehen als die bildhaften Erinnerungen.
Über den zeitlichen Abstand zwischen dem
Tod der früheren Persönlichkeit und der Geburt der Person schreibt Stevenson:
Mit Ausnahme
einer kleinen Zahl von Extremfällen und Beispielen mit anormalen Daten (...) liegt
die Zeitspanne zwischen dem Tod der früheren Persönlichkeit und der Geburt des
betreffenden Kindes gewöhnlich unterhalb von drei Jahren. Der Medianwert (das
ist der Wert, der die Datenmenge in zwei Teilmengen mit gleicher Anzahl von
Daten teilt, S. P.) dieses Zeitabstandes variiert von Kultur zu Kultur und
erstreckt sich von sechs Monaten bei Fällen im Libanon bis zu achtundzwanzig
Monaten bei Tlingit-Fällen. Der Medianwert für sechshundertsechzehn Fälle aus
zehn verschiedenen Kulturen betrug fünfzehn Monate.
Es gibt einen
weitverbreiteten Glauben über die Reinkarnation, nachdem ein gewaltsamer Tod zu
einer rascheren Reinkarnation führt als ein natürliches Ableben. Unsere Daten
scheinen diese Vorstellung zu stützen. Unter den gesamten Fällen aus dem Nordwesten
Amerikas (der Region, in der unsere standesamtlichen Daten die größte
Zuverlässigkeit aufweisen) gab es eine (statistisch) signifikant kürzere
Zeitspanne zwischen Tod und angenommener Wiedergeburt in Fällen mit gewaltsamem
Tod, verglichen mit solchen mit natürlichem Tod. Bei einer Analyse von Fällen
in Indien erzielten wir ähnliche Ergebnisse. (...)
Bei einer
kleinen Zahl von Fällen (das sind die mit den oben erwähnten anormalen Daten,
S. P.) wurde das Kind geboren, bevor die Person, deren Leben es erinnerte,
starb. (Die Zeitabstände variieren zwischen ein oder zwei Tagen und mehreren
Jahren.) In Fällen dieser Art, wenn man sie für bare Münze nimmt, scheint es so
zu sein, dass der Körper des Subjekts schon voll ausgebildet und wohl durch
eine Persönlichkeit besetzt war, bevor eine andere ihn übernahm. Wir mögen hier
von einer Art Körperdiebstahl sprechen, der oft Besessenheit genannt wird.
(Diese Erscheinung kann allerdings auch anders erklärt werden. S. P.)
Der schnellste
Weg, solche peinlichen Fälle loszuwerden, besteht darin, anzunehmen, beim Aufzeichnen
der Daten seien Fehler gemacht worden, und in einigen Fällen wird diese Annahme
durch eine gewisse Unsicherheit bei den genaueren Daten gestützt. Ich habe mich
jedoch überzeugt, dass wir in mindestens zehn Fällen dieser Art genaue Daten
haben und die Anomalie doch bestehen bleibt.
Der geringe
Abstand zwischen Tod und (angenommener) Wiedergeburt, der von Stevenson
beobachtet wurde, trifft auch in dreien der vier Fälle zu, von denen Lama
Govinda berichtet. Lediglich in seinem eigenen Fall ist der Zeitraum
wesentlich länger, es sei denn, es habe dazwischen eine weitere Reinkarnation
stattgefunden. Es gibt aber eine große Zahl weiterer Berichte, über die später
zu sprechen sein wird, bei denen die Zeit zwischen Tod und Wiedergeburt
ebenfalls erheblich länger gewesen zu sein scheint, nämlich mehrere Jahrzehnte
bis Jahrhunderte. Stevenson selbst räumt dazu ein, dass die von ihm
untersuchten Fälle „aus verschiedenen Gründen nicht repräsentativ sein“ mögen.
Der eine Grund ist der hohe Anteil der Fälle, bei denen die erinnerte Personen
eines gewaltsamen Todes gestorben war. Bei den „gelösten Fällen“ (das sind
solche, bei denen Stevenson und seine Mitarbeiter überzeugt sind, dass sich die
Aussagen des Kindes auf eine, und zwar auf genau eine, verstorbene Person
beziehen) lag ein verifizierter gewaltsamer Tod in 51% der Fälle vor, bei den
ungelösten Fällen gaben sogar 91 % der Subjekte an, der Tod, dessen sie sich
erinnerten, sei ein gewaltsamer gewesen. Selbst der kleinere der beiden Werte
ist noch immer weitaus größer als der Prozentsatz gewaltsamer Todesfälle in der
Gesamtbevölkerung, der selbst in Indien (wo er besonders hoch war) zur
betreffenden Zeit unter 7% lag. Da, wie schon oben erwähnt, die Zeitspanne
zwischen Tod und angenommener Wiedergeburt in Fällen mit gewaltsamem Tod
signifikant kürzer als bei den übrigen Fällen war, führt ihr
überdurchschnittlich hoher Anteil zu einer Verkleinerung des beobachteten
Mittelwertes.
Ein weiterer Grund ist nach Stevenson folgender:
Der
kurze Zeitraum zwischen Tod und Wiedergeburt mag zur Entwicklung eines Falles
(d.h. zum Auftreten von Erinnerungen an ein Vorleben, S. P.) beigetragen haben.
Bei den Analysen, die wir bislang durchgeführt haben, konnten wir (zwar, S. P.)
keine Korrelation zwischen der Länge des Zeitraumes zwischen Tod und
mutmaßlicher Wiedergeburt und der Vielfalt von Erinnerungen, die das Subjekt
eines Falles mitteilte, feststellen. Wenn jedoch in einer Welt körperloser
Seelen die Erinnerungen mit der Zeit abklingen – wie es in unserer gewöhnlichen
Welt der Fall ist –, so würden wir kaum Fälle mit verifizierten Erinnerungen
finden, wenn das Intervall länger ist als die äußersten Schranken der Fälle,
die uns heute bekannt sind, also (bis auf ein paar seltene Ausnahmen) etwa
fünfundzwanzig Jahre. Wenn die Reinkarnation für längere Zeitspannen als diese
verzögert wäre, könnten Erinnerungen deutlich nachlassen, und aus solchen
Inkarnationen wären für unsere epidemiologischen Studien keine identifizierbaren
Fälle verfügbar. Es bleibt daher denkbar, dass für einen größeren Anteil aller
existierenden Seelen das Intervall zwischen Tod und Wiedergeburt länger ist –
vielleicht viel länger – als bei den Fällen, die uns bislang bekannt geworden
sind.
Die Arbeiten Stevensons haben, obwohl ihre
Anfänge schon vierzig Jahre zurückliegen und obwohl sie mit denkbar größter
wissenschaftlicher Zuverlässigkeit durchgeführt und in mindestens
zweiunddreißig Veröffentlichungen dargestellt wurden, die allen wissenschaftlichen
Ansprüchen genügen, nur geringes Echo gefunden. Dies ist auf den ersten Blick
erstaunlich, besonders wenn man die Bedeutung seiner Ergebnisse für die
Menschheit insgesamt wie für jedes einzelne Individuum bedenkt. Auf den zweiten
Blick jedoch ist diese Tatsache keineswegs verwunderlich, sondern genau das,
was jeder erwarten musste, der auch nur einige Kenntnisse der Menschen und der
Wissenschaftsgeschichte besitzt. Alles Neue und Unbekannte erzeugt als solches
schon Angst, wenn es einen selbst betrifft, und diese Angst kann sich
beträchtlich steigern, wenn das Neue von so tiefgreifender existentieller
Bedeutung ist wie in diesem Fall. Die naheliegende und bequemste Reaktion
darauf – bei Politikern häufig zu beobachten – ist das Ignorieren: nichts hören
und nichts sehen wollen, oft genug so lange, bis es zu spät ist. In Deutschland
blieb auch die erste Auflage des oben zitierten populärwissenschaftlichen
Buches von Stevenson, die zuerst 1989 im Aquamarin Verlag erschien, fast
unbeachtet. Erst nachdem sich der Verlag Zweitausendeins des Werkes angenommen
hatte (1992), erschien bereits fünf Monate später die zweite Auflage.
Ein anderer
Komplex von Tatsachen, der gleichfalls in Gefahr ist, dieser Ignoranz zum
Opfer zu fallen, ist der „Fall Edgar Cayce". Die Biographie Cayces (Thomas
Sugrue, Edgar Cayce) ist, ebenso wie einige andere Bücher über ihn, in der
Taschenbuchreihe des Knaur Verlages erschienen, bezeichnender- und
bedauerlicherweise aber nicht etwa unter einem der Stichworte Naturwissenschaft,
Medizin oder Anthropologie, sondern unter Esoterik, in der Nachbarschaft
zahlreicher mehr oder weniger fragwürdiger Produkte des florierenden
Esoterik-Marktes.
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