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SF-Online: Archiv "Diverses"

ANDRO2001 Nr.9, 1978, 40 S., Auflage: 200 Exemplare, Offset-Druck
Herausgeber: Armin Reichrath, Manfred Schiller, Erwin Manz

Beiträge von mir:

Hin und wieder zurück*
Reiseerlebnisse eines SF - Stammtisches
Gert Vogel

Knaur Neuerscheinungen
Gert Vogel

  • George R. R. Martin
    Die Flamme erlischt
  • Joe Haldeman
    Der befleckte Engel
  • Philip José Farmer
    Die Liebenden
  • Alfred Bester
    Hände weg von Zeitmaschinen
  • David Gerrold
    Unter dem Mondstern

*Anspielung auf den Reisebericht, den der "kleine Hobbit" nach seiner Rückkehr schreiben wollte!

 

hin und wieder zurück

Reiseerlebnisse eines SF-Stammtisches

von  GERT VOGEL

Ausgemacht war es schon länger, aber erst jetzt wurde es Realität. Beim Nürnberg-Con im Frühjahr hatten einige Mitglieder unseres SF-Stammtisches näheren Kontakt mit einer Gruppe von SF-Fans aus Würzburg geschlossen. Und dabei fiel auch der Satz: „Wir besuchen Euch mal“. Normalerweise ist so etwas nicht ernst gemeint, aber bei SF’lern ist das etwas Anderes. Vor allem, wenn sie auch noch Sammler sind und genau wissen, dass die Anderen Tausende von Romanen doppelt bei sich zu Hause herumliegen haben.

Am Samstagmittag, dem 26. August, war es dann soweit. Ich fuhr zu Erwin Manz, lud mein Gepäck (vor allem Romane, sehr viele Romane) in sein Auto um, das vom Volumen her schon eher geeignet war, denn auch Erwins Gepäck bestand zum größten Teil aus bedrucktem Papier. Bei einem kleineren Wagen hätten wir uns sonst zwischen Romanen und Mitfahrern entscheiden müssen, und wer weiß, wie diese Entscheidung ausgefallen wäre?!

Danach sammelten wir die übrigen drei Mitfahrer ein: Bernd Pecher, Armin Reichrath und Manfred Schiller.

Aber, wie SF-Fans so sind, haben manche eher den “Herr der Ringe“ im Kopf als unwichtige Kleinigkeiten. So geschah es, dass einer vergaß, dass wir am Samstag fahren wollten und erst wieder daran erinnert werden musste (Manfred), ein anderer vergaß sein Waschzeug (Bernd), einer seine Fresstüte (ich) und einer fuhr mit Hausschuhen an den Füßen los (Armin). Das letztere konnte wenigstens noch rechtzeitig korrigiert werden.

Pünktlich eine Stunde zu spät langten wir auf der Autobahnraststätte Würzburg an. Die Würzburger warteten schon seit einiger Zeit und bangten bereits, dass sie uns verpasst hätten. Da wir uns nun schon mal so weit von der Heimat entfernt hatten, wollten wir das gleich richtig ausnützen und in Frankfurt bei Transgalaxis vorbeifahren. Vorangemeldet hatten wir uns schon und nun wurde das mit Hilfe eines Fräuleins vom Amt, die sich auch ihren Teil bei der Sache gedacht haben muss, aber das ist eine andere Geschichte, telefonisch fixiert. Nach einer ‚ruhigen' Autobahnfahrt, bei der keiner ohne Adrenalinstoß blieb, kamen wir doch noch wohlbehalten bei Rolf Bingenheimer in Friedrichsdorf an. Ich glaube von TRANSGALAXIS hat wohl schon jeder etwas gehört, aber sicher hatten noch nicht alle das persönliche Vergnügen.

Von außen sah man dem Haus nicht an, dass hier der größte SF-Versand Deutschlands untergebracht ist. Kein Schild - nichts! Aber aufgestapelte Bücherkisten und Versandumschläge schon im Treppenhaus bestätigten uns, dass wir hier richtig waren. Das Lager war unten in einem niedrigen Keller untergebracht, der zu allem Überfluss tiefhängende Balken aufwies, die sicherheitshalber dick gepolstert waren. So mancher Rumps mit nachfolgendem Gefluche rechtfertigte diese Vorsichtsmaßnahme. Dieser ausgebaute Keller beherbergte drei Räume voller SF-Literatur. Von alten Sun Koh bis zu den neuesten Taschenbüchern war (fast) alles da, was das Sammlerherz höher schlagen lässt. Und dann sah man zwei Stunden lang nur noch neun geistig weggetretene Fans, die sich mit ihren Suchlisten durch die Schätze wühlten. Der Umsatz war enorm. Circa 850 DM wechselten in dieser kurzen Zeit den Besitzer.
Aber glücklicherweise verkaufte Rolf Bingenheimer nicht nur zu hohen Preisen, sondern zahlte im Ankauf auch viel mehr, als jeder gedacht hatte. So konnten wir mehrere große Kartons mit Romanen in Zahlung geben, was die Bargeldsumme schon viel ziviler aussehen ließ.

Inzwischen waren unsere Mägen so tief gesunken wie unser Tankanzeiger. Einen Münztank konnten wir einigermaßen schnell auftreiben, doch unsere Mägen mussten es noch bis Würzburg aushalten.
Dort war in einem reichlich vornehmen Lokal ein großer Tisch für uns reserviert worden.
Roland Hetterich und Freundin stießen auch noch zu uns - damit waren wir schon zu elft. Glücklicherweise war nicht viel Betrieb, sodass wir nach einem guten Essen nicht viel Aufsehen erregten, als wir Koffer, Kartons und Tragetüten voller SF-Romane hereinschleppten. Nur die Bedienung schaute etwas verdutzt. Eine Zeitlang wurde getauscht, verkauft, Zeichnungen begutachtet und über Bücher, Fanzines und Filme diskutiert.
Um Mitternacht wurde dann beschlossen, nun erst einmal das Thema SF zu streichen und zum gemütlichen Teil überzugehen. Das hieß, wir packten unseren Kram zusammen und stürzten uns voll ins Würzburger Nachtleben. Um einige Teilnehmer dezimiert, die aus verschiedenen Gründen entschuldigt waren, schafften wir es, drei Lokale bis zur jeweiligen Sperrstunde unsicher zu machen.
Dann verteilten wir uns auf die verschiedenen Gastgeber. Erwin und ich kamen bei Michael unter.  Morgens um halb vier langten wir bei ihm zu Hause an, nachdem Erwin zuvor noch einen kleinen Schreck zur Morgenstunde überstehen musste. Für einige Sekunden dachte er nämlich, sein Auto sei nicht mehr da - nicht zu vergessen die darin befindlichen SF-Romane und Comics.

Nach einigen Runden Chikago zum Abschluss verkrochen wir uns dann endgültig in die Betten, um wenigstens einige kurze Stunden Schlaf mitzunehmen.

Nach einem ausgiebigen Frühstück am Sonntagmorgen sammelten wir uns dann wieder bei Roland Hetterich. Wir vertrieben uns die Zeit mit Gesprächen und weiteren Würfelspielen, bis auch der letzte Langschläfer sich fertig gemacht, seinen Kaffee hinunter gestürzt und die erste Frühstückszigarette intus hatte. (Guten Morgen, Roland!) Zu dieser Zeit bekamen die Ersten schon wieder Hunger, denn inzwischen war es Mittag geworden.

Die Würzburger wollten uns unbedingt die Stadt zeigen, aber wir beschränkten uns dann doch auf eine ausgedehnte Mahlzeit in ein­em griechischen Restaurant und einen Besuch in einem Ausflugslokal hoch droben, von wo aus man ganz Würzburg überblicken konnte.

Dann kam auch schon der Abschied, denn zu lange konnten wir nicht bleiben, stand uns doch noch eine längere Fahrt bevor. Alles verlief wie bei der Hinfahrt, nur hinten im Wagen war es um einiges stiller geworden, was wohl am mangelnden Schlaf lag.
Einer nach dem Anderen wurde wieder zu Hause abgeliefert, und ganz am Schluss erhielten wir auch noch den Beweis, dass SF-Fans wirklich vergesslich sind: Denn im Auto lag einsam und verlassen eine Mappe mit Suchlisten - von einem Würzburger!

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Rezensionen

KNAUR - EINE NEUE ODER NUR EINE WEITERE SF-TASCHENBUCHREIHE ?

Vor einigen Monaten startete der Knaur-Verlag eine eigene SF-Reihe. Inzwischen liegen fünf Bände vor.
Der Herausgeber dieser Reihe, H. J. Alpers (SF-Times), der seit vielen Jahren in der SF-Szene kräftig mitmischt, will dem deutschen Publikum nach all dem „Fabel-Schund“ endlich einmal wirklich gute Science Fiction präsentieren (beziehungsweise das, was er dafür hält!).
Nun, einige dieser Autoren und Titel haben bereits einen ausgezeichneten Ruf, auch wenn einige ihrer Romane trotzdem bei uns in Deutschland bisher noch keinen Verleger gefunden hatten.
Nach nunmehr vier Monaten und fünf Titeln ist es nun an der Zeit zu prüfen, ob die Ankündigungen auch hielten, was sie versprachen.

Knaur 701
George R. R. Martin
Die Flamme erlischt
(Dying of the Light)

304 S., 6,80 DM                              

Der dickste Roman bisher. Er handelt von Liebe und Ehre, Treue und Tradition, Jagd und Blut, Duellen und Hetzjagden.
Das alles spielt sich auf einer sterbenden Welt ab, die kurze Zeit Schauplatz eines interstellaren Festivals war, sich nun aber wieder von ihrer Sonne entfernt und dem langsamen Kältetod gewidmet ist. Was nach viel Action klingt, sieht beim Lesen schon anders aus. Zwar ist die eigentliche Handlung recht abenteuerlich, leider wird sie aber allzu oft durch seitenlange Reflektionen über Hinter- und Beweggründe der Handelnden zerrissen. Das mag zwar für ein tieferes Verständnis der Vorgänge sehr interessant sein, bringt aber oft Längen mit sich, die den Handlungsfluss ins Stocken geraten lassen. Dass der Autor 13 Seiten Glossar am Schluss hinzufügen musste, dessen einzelne Begriffe außerdem noch umständlich im Roman erklärt werden, mag dies verdeutlichen.
Möglicherweise hebt der ausgefeilte Hintergrund und die anerkanntermaßen tiefergehende Beleuchtung der Handlungsmotive den Roman in die Sparte ,,gute SF", trotzdem kann ich ihn nur Lesern mit viel Geduld und Durchhaltevermögen empfehlen.

 Knaur 702
Joe Haldeman
Der befleckte Engel
(All My Sins Remembered)
171 S., 5,80 DM

Dass Langatmigkeit kein Kriterium für gute SF sein braucht, sieht man sehr deutlich an diesem Werk. Der beste Roman bisher.
Haldeman versteht es, interstellare Agentenstories zu schreiben, die mindestens ebenso interessant sind, wie alles, was sogenannte „reaktionäre Schmierfinken“ verfassen können, und im gleichen Atemzug aufzuzeigen, was für ein schmutziges, gemeines Geschäft sich hinter dieser Agententätigkeit in Wirklichkeit verbirgt. Er beschreibt, wie ein „Super-Agent“ an diesen Dingen innerlich zerbricht und seine Seele verliert.
Hier gibt es nur ein Prädikat: HERVORRAGEND!

 Knaur 703
Philip José Farmer
Die Liebenden
(The Lovers)
158 S., 5,80 DM   

Dieses Werk wurde in Deutschland seit 20 Jahren zwar immer wieder zitiert, aber erst jetzt können wir es genießen. Und zwar wirklich genießen, denn es ist tatsächlich so gut, wie immer wieder behauptet wurde.
Eigentlich besteht es aus zwei Teilen. Im ersten wird die Erde der Zukunft vorgestellt. Lange Zeit nach einer fast vollständigen Vernichtung der menschlichen Rasse ist wieder Überbevölkerung erreicht. Auch mehrere Machtblöcke stehen einander wieder gegenüber. Also fast die heutige Situation, nur so verfremdet, wie Farmer es für seinen Roman braucht. Der „Westen“ wird von einer allmächtigen Staatskirche beherrscht, die allerdings unsere bestehenden Religionen völlig pervertiert. Der Bevölkerungsdruck gibt Anlass, nach Lebensraum auf fremden Planeten zu suchen. Doch die einzige Welt, die man findet, ist bereits von Intelligenzen bewohnt. Ist das jedoch ein Grund, auf diese Welt zu verzichten?
Im zweiten Teil begleitet man die Hauptperson auf der Reise zu diesem Planten. Als Forschungsexpeditionen getarnt, hat sie den Zweck, die intelligenten Bewohner auszurotten, so wie es der Mensch auf der Erde bei sich selbst schon fast geschafft hatte. Doch der Protagonist verliebt sich in ein fremdes, auf den ersten Blick menschenähnliches Wesen. Die Berühmtheit des Romans gründet sich vor allem auf die Beschreibung dieses Liebesverhältnisses, doch auch die versteckte Anprangerung bestehender Verhältnisse ist nicht von Pappe!
Das Buch liest sich ausgezeichnet, doch merkt man an einigen Dingen die zwei Jahrzehnte, die der Roman schon auf dem Buckel hat. So wird alles Mögliche durch (pseudo)wissenschaftliche Erklärungen untermauert, was wohl für SF aus diesen Jahren typisch war. Doch nimmt dies dem Roman nicht das Geringste von seiner Ausstrahlung!

 Knaur 704
David Gerrold
Unter dem Mondstern
(Moonstar Odyssey)
159 S., 5,80 DM  

 Wird der Mensch auf fremden Planeten noch Mensch bleiben?
Auf Satlin verändert er sich insofern, dass er erst bei der Pubertät sein Geschlecht wählen kann. Vorher ist er ein Hermaphrodit bzw. ein Neutrum, je nachdem, wie man es sehen will. Im Roman werden die Erlebnisse eines dieser jungen Menschen geschildert, bis er/sie schließlich sein/ihr Geschlecht gewählt hat. Obwohl durch eine Naturkatastrophe aufgemotzt, bleibt die Handlung doch hinter den Versprechungen der Umschlagseite zurück. Es handelt sich schlicht um die Pubertätskrise eines jungen Menschen, nur unter völlig anderen geschlechtlichen und soziologischen Voraussetzungen. Die an einschlägige Fantasy-Literatur erinnernden Szenen zu Beginn des Buches halten allerdings nicht, was sie versprechen. Man hätte sie weglassen müssen. Dann wäre eine gewisse Enttäuschung am Ende möglicherweise zu vermeiden gewesen. Denn von Inhalt und Idee her ist dieses Buch wirklich ausgezeichnete Science Fiction!
Wer diesen Roman als ernsthafte, soziologisch und psychologisch angehauchte SF liest, wird. voll auf seine Kosten kommen. 

Knaur 705
Alfred Bester
Hände weg von Zeitmaschinen
(Starburst)
176 5. , 5,80 DM       

 Was soll man zu diesem Buch sagen? Ich will es kurz machen:11 Stories, von denen jede eine eigene ausführliche Rezension verdient hätte.
Jede einzelne Story ist Spitzenklasse und ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden geben sollte, dem sie nicht gefallen könnten.
Sehr empfehlenswert!

 

Und nun zur Beantwortung der am Anfang aufgeworfenen Frage:

Diese Reihe ist für den SF-Leser, der bei „seiner“ Literatur den gleichen Unterschied zwischen SF und PR macht wie ein eingefleischter Krimileser zwischen Agatha Christie und Jerry Cotton (alias Jeremias Baumwolle), eine ausgezeichnete Bereicherung auf dem Markt. Es ist wirklich eine neue und nicht nur eine weitere Taschenbuchreihe!
Der silberne Umschlag der Knaur SF-Taschenbücher ist eine Gewähr dafür, dass man wirklich anspruchsvolle, das heißt aber auch gute und gut lesbare, Science Fiction bekommt.

Wenn H. J. Alpers so weiter macht (und die Reihe nicht wegen der hohen Preise und des daraus resultierenden schlechten Verkaufserfolges eingestellt werden muss), ist ihm die Anerkennung aller ernsthaften SF-Liebhaber gewiss.

Es wäre nur noch anzumerken, dass der Verlag auf die manchmal nicht ganz zutreffenden reißerischen Inhaltsangaben auf den Umschlagseiten verzichten sollte. Er schadet sich nur selbst damit.

(Gert Vogel)

 

Folgende Titel sollen in den nächsten Monaten erscheinen: 

  • John Boyd - Der Überläufer ( The Last Starship From Earth)

  • John Brunner - Sie schenkten uns die Sterne (Interstellar Empire)

  • Philip K. Dick - Simulacra (Simulacra)

  • Joanna Russ - Planet der Frauen (Female Men)

  • Robert Sheckley - Die alchemistische Ehe (The Alchemistikal Marriage of Alistair Crompton)

  • H. J. Alpers (Herausgeber) - Countdown 1: Anthologie internationaler SF.