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Champion  Jack  Barron
(Bug Jack Barron)
Norman Spinrad
Moewig SF 3562, 335 S., DM 7,80


Norman Spinrad, der in letzter Zeit wegen der Indizierung seines Romans "Der stählerne Traum" in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten ist, hat bereits früher wegen seiner Romane die Gemüter erregt. Eigentlich ist dieses vorliegende Buch schon ein guter alter Bekannter. Jedenfalls vom Hörensagen! Denn so oft über die sogenannte "New Wave" (die sog. 'neue Welle' junger englischer SF-Schriftsteller, die eine literarische Erneuerung in der SF erreichen wollten), das SF-Magazin "New Worlds" oder dessen Herausgeber Michael Moorcock geschrieben wurde: unweigerlich wurde auch Spinrads "Bug Jack Barron" erwähnt. Der Roman wurde 1967/68 in Fortsetzungen in "New Worlds" veröffentlicht und erschien vielen als derart starker Tobak, daß sich sogar das britische Unterhaus damit beschäftigen mußte. Denn das SF-Magazin wurde staatlich subventioniert, und die Abgeordneten wollten nicht, daß derartiger "Schund" aus Staatsmitteln finanziert werden sollte.

Das ist inzwischen 14 Jahre her; man ist mehr gewöhnt; die "four-letter-words", die damals das britische Parlament schockierten, bringen heute niemanden mehr zum Erröten. "Bug Jack Harron" hätte also schon lange auch bei uns veröffentlicht werden können, zumal ein zünftiger Skandal immer positiv auf die Verkaufszahlen wirkt. Der Grund weshalb es aber doch noch bis 1982 dauern sollte, bis uns die Übersetzung angeboten wurde, ist dem Moewig-Verlag ein sieben Seiten langes Vorwort wert. Ein Vorwort, das ausnahmsweise einmal nicht von einem SF-Schriftsteller stammt, sondern von Joachim Körber, dem Übersetzer. Dieser erhielt damit einmal die Gelegenheit, dem Leser klarzulegen, daß so eine Ubersetzung keine Kleinigkeit ist, vor allem, wenn ein Autor keine normale Prosa schreibt, sondern sich den Ausdrucksformen des Slangs und der "stream - of - consciousness" Technik bedient.

Diese Schreibtechnik wurde Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und vor allem durch James Joyce bekannt, der sie in seinem Roman "Ulysses" vervollkommnete. Es wird dabei versucht, die innersten Gefühle, Gedanken, all das was sich im Gehirn eines Menschen in Sekundenbruchteilen abspielt, Assoziationen, Bilder, Erinnerungsfetzen, in Sprache umzusetzen. Das bedeutet naturlich eine Loslösung von gewohntem Satzbau und grammatikalischen Regeln. Im Extrem tritt das bei "Ulysses" auf, wo alle 50 Seiten des letzten Kapitels nur in dieser "stream-of-consciousness" Technik geschrieben sind.

Die Schriftsteller der New Wave wollten unter anderem versuchen, Schreibtechniken der modernen Literatur in die Science Fiction aufzunehmen, was gar nicht so einfach war, da die SF in dieser Hinsicht erschreckend konservativ war (und ist).

Nun darf man aber nicht denken, daß "Champion Jack Barron" nur aus experimenteller Schreibe besteht und deshalb für den Normalverbraucher unleserlich ist. Nein, Norman Spinrad setzt diese Mittel nur feindosiert ein, hier eine halbe, dort eine viertel Seite. Die Figuren gewinnen dadurch an Farbe, die Handlung wird dichter und damit das Lesevergnügen größer. Weniger feinschmeckerisch ist er in der Verwendung von Kraft- und Slangausdrücken. Diese waren es dann auch, die Aufsehen erregten. Sex in der Science Fiction, ein Unding! Denn damals gab es zwei Tabus in der SF: Sex und Politik. Und Spinrad verletzte nicht nur das eine, sondern gleich beide in einem einzigen Rundumschlag.

Damit sind wir beim Inhalt des Buches angelangt. Es ist ein Roman über Macht, Politik und Sex, wobei die angeführte Reihenfolge nicht zufällig ist. Spinrad will aufzeigen, daß Macht eine Droge ist, der Politiker und andere Mächtige genauso verfallen sind, wie Heroinsüchtige ihrer Droge. Sex, Geld und andere Lockungen sind für sie nur schwache Ersatzmittelchen, um die Zeit bis zum nächsten Machttrip zu überbrücken.

Macht als Droge, bis zum Tod ... und darüber hinaus! Unsterblichkeit für Reiche und Mächtige! Das ist das SF-Element, das der Autor in die Geschichte einbringt, um nicht zu sehr an der Wirklichkeit zu kleben, das raffinierte Mittel, um dem Leser vorzugaukeln: "Das ist doch alles nichts Reales, nur ein phantastischer Roman!", obwohl er im Innersten weiß, daß die Grundlagen nur allzu real sind. Spinrad bedient sich der "Fluchtliteratur" Science Fiction, um den Leser mit den harten Tatsachen des Lebens zu konfrontieren. Wie in "Der stählerne Traum" muß dieser nur einen winzigen Schritt machen, um von der "Traumwelt" der Science Fiction in die Alltagswelt geworfen zu werden. In jenem Buch werden ihm die Augen geöffnet über die faschistoiden Untertöne in seiner Lieblingsliteratur, der SF. Hier wird er aufgeklärt über das schmutzige Geschäft der Politik, über Manipulation der Massen, Bestechung, Kungelei, über Machtpolitik als Selbstbefriedigung der Mächtigen. Leider schreiben wir inzwischen das Jahr 1982. "Leider" deshalb, da seit der Erstveröffentlichung des Buches einiges geschehen ist. Da waren Nixon und Watergate, da waren Attentate, Rassenunruhen, Bestechungen und politische Erdrutsche, wir sind nicht mehr von der Behauptung schockiert, Politik sei ein schmutziges Geschäft. Vieles was Spinrad mit feurigen Lettern an die Wand malt, ist heute Geschichte, von der Gegenwart überholt, längst kalter Kaffee. Doch "Bug Jack Barron" ist noch lebendig, hat seinen Biß, seine Faszination nicht verloren. Diese Geschichte eines TV-Showmasters, der sich mit einem der mächtigsten Manner des Staates anlegt, dieser Kampf bis aufs Messer, der erst Show, dann tödlicher Ernst ist, wird einem noch lange in den Gehirnwindungen herumspuken, immer wieder aufgefrischt durch den Anblick eines Fernsehgerätes, durch die neuesten politischen Nachrichten.

Denn die Mächtigen unserer Welt sind zwar nicht unsterblich, aber ihre Spielchen treiben sie trotzdem.

Gert Vogel

(SOLARIS Nr.1)