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Dr. Gert Vogel

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SF-Online: Archiv "Solaris"

Solaris 0

Solaris 2/83

Solaris 3/83

Solaris 4/83

Solaris 5/6-83

Robert Stallman:

Werwelt

Erstes Buch: Der Findling (The Orphan), Goldmann Fantasy 23811
Zweites Buch: Der Gefangene
(The Captive), Goldmann Fantasy 23812
Drittes Buch: Der Nachkomme
(The Beast), Goldmann Fantasy 23813

 

Hätte mich jemand nach der Lektüre des ersten Bandes gefragt, ob die Nominierung für den Nebula - Award, die auf der Umschlagseite werbend erwähnt wird, verdient sei, so hätte ich ohne zu Zögem mit einem JA geantwortet Nach dem zweiten und vor allem nach dem dritten Band weiß ich jetzt allerdings auch, warum Stallman die Trophäe nicht bekommen hat. War "Der Findling" noch mit jenem faszinierenden Flair behaftet, das wirklich gute Bücher auszeichnet, so merkte man bei "Der Gefangene" schon, daß Stallman versuchte, die große (und großartige) Geschichte in einen Rahmen, ein Konzept einzupassen. Beim dritten Band, "Der Nachkomme", stellte sich dann aber leider heraus, daß er es nicht geschafft hat.

Worum geht es?

Ein TIER, ein Wesen ohne Namen und Vergangenheit taucht auf. Es verwandelt sich in menschliche Wesen, zunächst in ein kleines Kind, dann in einen Jugendlichen, zuletzt in einen Mann. Unwissend wie ein Kind, erhält es so eine Erziehung, lemt sich selbstkennen, entdeckt wie das Kind und der Jugendliche seine Sexualität und die Schwierigkeiten, damit fertig zu werden. Es weiß nicht, warum es sich verwandelt, was es auf der Welt überhaupt soll, bricht immer wieder aus der menschlichen Gestalt hervor, zum Teil bei Lebensgefahr, aber auch aus reiner Lust am nächtlichen Herumstreifen und Jagen.

Stallman versteht es in diesem Teil ausgezeichnet, die kindliche und jugendliche Sexualität zu schildem. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, gelingt es ihm trotz dem, das Abgleiten in die Pomographie zu vermeiden. Gleichzeitig wirft er eine derart große Menge von Fragen über die Natur der TIERS auf, daß der Leser praktisch zum Erwerb der beiden Folgebände gezwungen ist. Leider stellt sich der zweite Teil eher als eine Art von Kriminalroman heraus, in dem der Held gefangen ist und mit seinen übematürlichen Kräften den Ausbruch schafft und außerdem eine Entführung aufklärt. Sehr gut geschrieben und auch sehr spannend, aber Klassen schlechter als das erste Buch. Und dann kommt der Tragödie letzter Teil! Es wird mystisch. Ein weibliches TIER taucht auf und rettet einen Krebskranken durch seine Fähigkeiten und die Umerziehung auf vegetarische Lebensweise. (Das stelle man sich einmal vor! Zwei Bände lang ging es über die Freude an der nächtlichen Jagd - die TIERE sind nämlich reine Fleischfresser - und nun predigt plötzlich ein Fleischfresser einem Allesfresser die Vorzüge eines Lebens als Pflanzenfresser zur Erhaltung der Gesundheit!). Mystische Erfahrungen schließen sich an, eine Reise des Geistes ins Jenseits und auf der Erde herum, ein richtiges Durcheinander. Fast glaubt man, im falschen Buch zu sein. Richtig erleichtert ist man dann, als doch noch das TIER auftaucht. Aber jetzt werden erst einmal Rauschgifterfahrungen eingearbeitet, mit Sexszenen ist Stallman auch nicht besonders zurückhaltend, kurzum, als Stallman schlußendlich seine TIERE in einer farbigen Leuchterscheinung am Himmel in Extase vergehen läßt, ohne sich zu Erklärungen über Sinn und Zweck der Erdenodyssee des TIERS hinreißen zu lassen, ist man richtig froh, daß die Frustration ein Ende hat. Das Schlimme ist keineswegs, daß Band zwei und drei schlecht geschrieben sind, das ist nämlich nicht der Fall! Es ist nur der riesige Abstand zum ersten Band, der dem Leser verwehrt, einen Genuß aus der Lektüre zu ziehen.

Soll ich diese Trilogie nun empfehlen? Ich bin praktisch dazu gezwungen, so gut ist der erste Band. Ich muß ihn einfach empfehlen, auch wenn ich weiß, daß Sie dann auch die Folgebände verschlingen werden und - vermutlich - ebenso enttäuscht werden wie ich. Sollte das aber nicht der Fall sein - um so besser.

Gert Vogel