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Robert Stallman: Werwelt
Erstes Buch: Der Findling
(The Orphan), Goldmann Fantasy 23811
Hätte mich jemand nach der Lektüre des ersten Bandes gefragt, ob die
Nominierung für den Nebula - Award, die auf der Umschlagseite werbend
erwähnt wird, verdient sei, so hätte ich ohne zu Zögem mit einem JA geantwortet
Nach dem zweiten und vor allem nach dem dritten Band weiß ich jetzt
allerdings auch, warum Stallman die Trophäe nicht bekommen hat. War
"Der Findling" noch mit jenem faszinierenden Flair behaftet, das
wirklich gute Bücher auszeichnet, so merkte man bei "Der
Gefangene" schon, daß Stallman versuchte, die große (und
großartige) Geschichte in einen Rahmen, ein Konzept einzupassen. Beim
dritten Band, "Der Nachkomme", stellte sich dann aber leider
heraus, daß er es nicht geschafft hat.
Worum geht es?
Ein TIER, ein Wesen ohne Namen und Vergangenheit taucht auf. Es
verwandelt sich in menschliche Wesen, zunächst in ein kleines Kind, dann
in einen Jugendlichen, zuletzt in einen Mann. Unwissend wie ein Kind,
erhält es so eine Erziehung, lemt sich selbstkennen, entdeckt wie das
Kind und der Jugendliche seine Sexualität und die Schwierigkeiten, damit
fertig zu werden. Es weiß nicht, warum es sich verwandelt, was es auf der
Welt überhaupt soll, bricht immer wieder aus der menschlichen Gestalt
hervor, zum Teil bei Lebensgefahr, aber auch aus reiner Lust am
nächtlichen Herumstreifen und Jagen.
Stallman versteht es in diesem Teil ausgezeichnet, die kindliche und
jugendliche Sexualität zu schildem. Ohne ein Blatt vor den Mund zu
nehmen, gelingt es ihm trotz dem, das Abgleiten in die Pomographie zu
vermeiden. Gleichzeitig wirft er eine derart große Menge von Fragen über
die Natur der TIERS auf, daß der Leser praktisch zum Erwerb der beiden
Folgebände gezwungen ist. Leider stellt sich der zweite Teil eher als
eine Art von Kriminalroman heraus, in dem der Held gefangen ist und mit
seinen übematürlichen Kräften den Ausbruch schafft und außerdem eine
Entführung aufklärt. Sehr gut geschrieben und auch sehr spannend, aber
Klassen schlechter als das erste Buch. Und dann kommt der Tragödie
letzter Teil! Es wird mystisch. Ein weibliches TIER taucht auf und rettet
einen Krebskranken durch seine Fähigkeiten und die Umerziehung auf
vegetarische Lebensweise. (Das stelle man sich einmal vor! Zwei Bände
lang ging es über die Freude an der nächtlichen Jagd - die TIERE sind
nämlich reine Fleischfresser - und nun predigt plötzlich ein
Fleischfresser einem Allesfresser die Vorzüge eines Lebens als
Pflanzenfresser zur Erhaltung der Gesundheit!). Mystische Erfahrungen
schließen sich an, eine Reise des Geistes ins Jenseits und auf der Erde
herum, ein richtiges Durcheinander. Fast glaubt man, im falschen Buch zu
sein. Richtig erleichtert ist man dann, als doch noch das TIER auftaucht.
Aber jetzt werden erst einmal Rauschgifterfahrungen eingearbeitet, mit
Sexszenen ist Stallman auch nicht besonders zurückhaltend, kurzum, als
Stallman schlußendlich seine TIERE in einer farbigen Leuchterscheinung am
Himmel in Extase vergehen läßt, ohne sich zu Erklärungen über Sinn und
Zweck der Erdenodyssee des TIERS hinreißen zu lassen, ist man richtig
froh, daß die Frustration ein Ende hat. Das Schlimme ist keineswegs, daß
Band zwei und drei schlecht geschrieben sind, das ist nämlich nicht der
Fall! Es ist nur der riesige Abstand zum ersten Band, der dem Leser
verwehrt, einen Genuß aus der Lektüre zu ziehen.
Soll ich diese Trilogie nun empfehlen? Ich bin praktisch dazu gezwungen,
so gut ist der erste Band. Ich muß ihn einfach empfehlen, auch wenn ich
weiß, daß Sie dann auch die Folgebände verschlingen werden und -
vermutlich - ebenso enttäuscht werden wie ich. Sollte das aber nicht der
Fall sein - um so besser.
Gert Vogel
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