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EMPFEHLENSWERTE NEUERSCHEINUNGEN AUS DEN TASCHENBUCH VERLAGEN von Gert Vogel
KNAUR: Dort erschienen in den letzten Monaten wieder einige sehr interessante Titel. "Roderick oder die Erziehung einer Maschine" von John Sladek ist zwar nicht gerade ein Prototyp kurzweiliger Unterhaltung, aber ein Feuerwerk an humorvollen, teilweise sogar humoristischen Szenen belohnt den Leser immer wieder für sein Ausharren. Thema des Romans ist die Schaffung einer kybernetischen Intelligenz, die sich wie ein menschliches Kind erst langsam an unsere verwirrende Zivilisation gewöhnen muß. Ein ganz anderes Thema bietet der "Gott-Wal" von T. J. Bass. In ferner Zukunft ist die Erde total überbevölkert. Die Meere sind tot, die Menschen wurden auf halbe Größe zurückgezüchtet, leben in riesigen, von der Außenwelt abgeschlossenen Kaninchenställen, das Hauptnahrungsmittel ist Bandwurmfleisch aus der Kanalisation. (Konsequentes Recycling!). Nur noch wenige "echte" Menschen vegetieren außerhalb des "Schwarms". Zu ihnen stößt ein Krüppel, der sich einstmals einfrieren ließ und nun aus Versehen aufgetaut wurde.... Ein faszinierendes Buch! Die Thematik ist ja nicht neu, aber so durchdacht und fundiert wie hier wurde selten darüber geschrieben. Positiv fällt vor allem auf, daß TJ. Bass sich nicht im düsteren Ausmalen der Zukunft verliert, sondern einen jener seltenen Romane vorlegt, die eine optimistische Grundeinstellung verraten. Optimismus gibt es auch in Robert Silverbergs "Auf zu den Hesperiden!" zu. Dort wird er vom jugendlichen Protagonisten ausgestrahlt, der mit einer "Hoppla, jetzt komm ich"-Mentalität mittellos nach Übersee reist, um dort Gold und Abenteuer zu finden. Reichtümer besitzt er zwar am Ende des Buches immer noch nicht, doch blieb ihm neben Lebenserfahrung wenigstens sein Optimismus. Silverberg hat hier das Grundschema unzähliger Abenteuerromane unverändert gelassen. Gehörig herumgebastelt hat er hingegen an der Welt, in der die Geschichte spielt. Europa ist in türkischer Hand, die Hesperiden (Amerika) wurden nie kolonisiert, die Indianer konnten ihre eigene Kultur weiterentwickeln und sich zur Großmacht aufschwingen.... Ein kurzweiliger Parallelweltroman Bei GOLDMANN erschien eine Anthologie mit australischen SF-Geschichten. Känguruhs tauchen darin allerdings nicht auf. Nur in den wenigsten der Stories wird Bezug auf Australien genommen, was anfangs den Leser verwundert. Es liegt wohl daran, daß dort keine nennenswerte SF Szene existiert und, wenn überhaupt, SF fast nur für den US-Markt geschrieben wird. Trotzdem ist es interessant, was in anderen Ländem an SF produziert wird. Dieser Meinung war man auch bei SUHRKAMP: Mit Phantasma liegt dort eine Sammlung polnischer SF- und Phantastikgeschichten vor. Besonders deutlich wird in diesem Buch die Vorliebe polnischer Schriftsteller für phantastische, zum Teil im religiösen Mythenbereich angesiedelte Geschichten. Diabolistik ist der Spezialbegriff dafür. Reine SF in der angloamerikanischen Tradition ist dagegen kaum zu finden. Eine interessante Zusammenstellung. Daß auch in Deutschland die emsthaftere SF-Literatur ihren eigenen Stil entwickelt (hat), zeigt H. W. Franke aufs Neue mit "Transpluto". Dieses Buch ist vor allem auch deshalb wichtig, da sich die Vergeber des "Kurd Laßwitz-Preises" nächstes Jahr schon etwas Besonderes einfallen lassen müssen, wollen sie ihn in den eigenen Reihen behalten. Will man nur den "Plot" des Buches herausarbeiten, so geht es schlicht darum, daß die Teilnehmer einer Weltraumexpedition nach deren Scheitem und einer mysteriösen Rückkehr gegen die Unterdrückung der Fakten durch die Regierungen rebellieren, ein Raumschiff entführen und auf eigene Faust ein zweites Mal "Transpluto" anfliegen. Franke geht es dabei aber weniger um die Handlung selbst. Wichtig sind ihm die Charakterisierung der Personen, ihre Beweggründe und ihre Reaktionen auf völlig neue, nicht mit unserem Weltbild über einstimmenden Stimulanzien. Der Leser ist deshalb auch nicht enttäuscht, wenn Franke ihm keine Lösung der Rätsel auf silbemem Tablett präsentiert. Einen totalen Gegensatz dazu bieten einige andere Taschenbücher, die fast gleichzeitig erschienen. James P. Hogan leitet mit "Der Computersatellit" eine Renaissance der Super-Science-SF ein. Was vor -zig Jahren z.B. John W. Campbell mit seinen Weltraumschlachten fertig brachte, in denen eine Superwaffe nach der anderen kreiert wurde, bis dann am Schluß doch noch die Guten siegten, wurde jetzt bei MOEWIG auf eine der heutigen Zeit entsprechende Basis gestellt. Der Gegner heißt Spartakus, ist ein lernender Computer, und es soll getestet werden, ob er einen Selbsterhaltungstrieb entwickeln kann. Nun, er kann es, und das gibt den Hintergrund für einen mitreißenden Thriller ab. Hogan kann darin die Spannung und Rasanz der frühen Super-Science-Geschichten wieder aufleben lassen. Zusätzlich bringt er aber gut geschilderte Charaktere und fundierte Kenntnisse in der Wissenschaft mit ein, die früher allzu oft gänzlich fehlten und damit das ganze Subgenre in Verruf brachten. Für Leser mit einer naturwissenschaftlich-technischen Ader ein Leckerbissen! HEYNE bringt in seiner Titan - Reihe mit der Nummer 18 dazu passend Belege aus jener gerade angesprochenen Jugendzeit der SF. Dieser und die folgenden drei Bände präsentieren nämlich Geschichten, die sich mit Galaktischen Imperien beschäftigen. Danach sind Anthologien über "Space Opera", "Space Odysseys", "Evil Earths" und "Perilous Planets" für die Titan Reihe geplant. Da kann man richtig nostalgisch der guten alten SF-Zeit nachtrauern, noch einmal mit den Helden galaktische Imperien errichten, ungehemmt im Trivialen schwelgen. Denn außer den Paradestücken wie Asimovs "Foundation" werden in diesen Anthologien auch unbekanntere Geschichten ausgegraben, auch wenn sie von der Qualität nicht überragend sind. Wer von der Faszination der frühen SF noch nie berührt worden war, kann hier noch einmal den Abglanz wahr nehmen. Eine ähnliche Thematik, nämlich Invasoren aus dem All, eine heldenhafte, fast übermenschliche Frau, die mit ihrer Raumschiffbesatzung die Gefahr vom terranischen Imperium abwendet, scheint der Roman "BABEL 17" von Samuel R. Delany zu haben, der bei BASTEI LÜBBE erschien. In ihm sieht man vielleicht am allerbesten die Entwicklung, die die SF seit ihrer Pulp-Magazin-Zeit hinter sich hat. Wie bei "Transpluto" ist nämlich auch hier nur der äußere Rahmen ein Versatzstück der Science Fiction. Inhaltlich liegen Welten zwischen diesen Werken und ihren Vorläufern der 40er und 50er Jahre.! Delany füllt das trockene Gerippe der Geschichte übervoll mit Ausdruck, Charakteren und Wissenschaft. Allerdings ist bei ihm Wissenschaft nicht gleichgesetzt mit Naturwissenschaft, sondern ist in diesem Falle Sprachwissenschaft, ein absolutes Novum in der SF. Sprache als Waffe, kanalisiertes Denkvermögen als Kampfausrüstung - dagegen verblassen technische Superwaffen zu weiterentwickelten Steinkeilen! Delany wurde dafür auch mit dem Nebula-Award ausgezeichnet. Diese Neuübersetzung läßt sich im Übrigen nicht mit der verstümmelten Fassung vergleichen, die bei Terra-TB erschienen war. Diese Empfehlungen sind natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus der enormen SF-Produktion der Taschenbuchverlage, können auch nur einen subjektiven Eindruck vermitteln und erheben selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Um die Proportionen zu wahren, müßten wir aber eigentlich noch eine Sparte einrichten mit dem Titel: "Nicht zu empfehlende Neuerscheinungen der Taschenbuchverlage!". Aber leider konnten wir keinen Freiwilligen finden, der all die Bücher, die nach spätestens 50 Seiten weggelegt wurden, zu Ende lesen wollte. (SOLARIS 2/82, Dezember ´82) |