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HARDCOVERAUSGABEN, KRITISCH GELESEN von Gert Vogel
Die besten Geschichten des Ueberreuter SF Wettbewerbs sind nun in dem Band "Der Planet der Platten" zu lesen. Das Erstaunlichste daran ist eigentlich die Tatsache, daß die Preise von Unbekannten eingeheimst wurden. Daß auch bekanntere Autoren sich beteiligten, scheint mit Ausnahme von Irmtraud Kremp nicht der Fall gewesen zu sein. Warum nur? Jedenfalls zeigt diese Auswahl einen interessanten Querschnitt durch die Einsendungen. Dabei ist es erfreulich, daß auch die Arbeiten von Kindern und Jugendlichen entsprechend gewürdigt wurden, auch wenn ich bei manchen Geschichten den Verdacht nicht loswerde, daß die Eltern nicht ganz unbeteiligt waren. Mit der Wertung der Jury bin ich im allgemeinen einverstanden, wenn ich auch der Geschichte "Pfannkuchen" von J.A. Heinze einen der Preise gönnen würde. Sie ist eine der wenigen lustigen Stories (die meisten haben einen düsteren Unterton) und handelt von pfannkuchenartigen Fremdwesen, die ganz besondere Ansichten über die Bedeutung von Farben haben. Bei Boje sind zwei sehr empfehlenswerte Jugendbücher herausgekommen. Zum einen "LUKAS KASHA", die Geschichte eines jungen Nichtstuers, der von einem Gaukler in ein fremdes Land versetzt wird, wo er alsbald König wird. Die Politik machen allerdings andere, und so ist Lukas bald auf der Flucht vor seinen Ministern, denen sein Interesse für Staatsangelegenheiten gar nicht zusagt. Ein sehr gut geschriebenes Buch, das sich vor allem durch den Verzicht auf Brutalität auszeichnet, und das nicht nur für Jugendliche interessant ist. Das andere ist "Sieben reiten durch die Nacht" von Paul Berna, aus dem Französischen übersetzt. Daß man es hier mit SF zu tun hat, ist von der äußeren Erscheinungsform nur sehr schwer auszumachen. Alle Anzeichen deuten nämlich auf ein gewöhnliches 'Reiterbuch' für pferdebegeisterte Jugendliche hin. In Wirklichkeit handelt es sich aber um eine astreine Weltuntergangsgeschichte. Eine ganze Reihe von 'Büchern' ist im Weichert-Verlag erschienen. Terry Cane "Die Weltraumpatrouille" ist der Serienname. Mit je 64 Seiten haben sie nicht einmal den Umfang von Heftchenromanen, und ihr Niveau erreichen sie schon gar nicht. Mit einem Wort: "Schund"! Doch zum Glück gibt es auch noch andere Bücher, die den schlechten Eindruck, den man von solchen Produkten bekommen kann, mehr als wieder gut machen. Zum Beispiel Hans Bemmanns "Stein und Flöte - und das ist noch nicht alles" Ob man allerdings einen Jugendlichen zum Tausch seiner Heftchen gegen dieses Buch bewegen kann, ist eine andere Frage. Wünschenswert wäre es. Denn abgesehen vom ausgezeichneten Stil Bemmanns ist die ganze Grundtendenz wesentlich anders geartet. Während hier nur 'Wild West im All" und hemmungslose Vernichtung der bösen Alien existieren, so findet man dort einen ganz anderen Umgang mit Problemen. Da gibt es auch Zwischentöne, Entwicklungen, die zum Nachdenken anregen und manchmal auch direkt moralisierende Abschnitte. Man darf allerdings nicht annehmen, daß dies alles ist, schließlich gibt es auf 818 Seiten Platz für eine Unzahl von Ideen, Einschüben, Geschichten in Geschichten und was man sich sonst noch so alles vorstellen kann. Ein Buch zum Selbst-lesen und zum Verschenken. "Wegwerfmenschen" hat der Wissenschaftsjournalist Georg Kleemann seine Storysammlung betitelt. Es ist eine etwas seltsame Sache, weder ganz Science noch Science Fiction, der Ausdruck "naturwissenschaftliches Märchen", mit dem er sie selbst bezeichnet, erscheint mir für einige der Geschichten aber auch nicht angebracht. Wie dem auch sei, eines stört den Leser sehr: Über jeder Geschichte ist nämlich ein Abschnitt über die naturwissenschaftlichen Aspekte eingefügt, der für sich gesehen nicht schlecht ist. Interessiert man sich aber für diese Seite der Medaille, kommen einem die Geschichten manchmal recht läppisch vor. Andererseits wird manche gute Geschichte durch diesen Vorspann unnötig strapaziert. Vieles ist auch im Stil von Ottos "Großhirn an Kleinhirn" verfaßt - aber nicht so witzig. Das beste sind die Cartoons von Vladimir Rencin, den einige vielleicht aus der "ZEIT" kennen, wo er die Artikel über Wissenschaft illustriert. Ein Buch mit seinen Zeichnungen, das wäre eine schöne Sache! Sehr schöne Bilder von Sauriern gibt es dafür in dem Buch "Die Dinosaurier" (Bertelsmann). Meist farbig, in Jugendstilmanier gemalt, geben sie einen künstlerischen Einblick in die Urzeit unserer Erde. In kurzen Abschnitten wird dazu jeweils versucht, dem Leser diese Zeit und die Natur der damals lebenden Wesen näherzubringen. Das geschieht in Form von Schilderungen, die die Tiere allerdings oft etwas (sehr) personifizieren. Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Fiktion ist fließend. Wer sich deshalb etwas genauer informieren will, dem sei das Buch "Tiere der Urzeit" empfohlen, das zwar nicht so prächtig aufgemacht ist, dafür aber genauere Informationen bietet. Eine ausgezeichnete Darstellung der aktuellen Erkenntnisse über die Entstehung des Kosmos findet man in dem Werk von Harald Fritzsch: "Vom Urknall zum Zerfall". Er versteht es vorzüglich, selbst so komplizierte Themen wie die Theorie der Quarks verständlich darzustellen. Deshalb ist dieses Buch nicht nur für interessierte Laien, sondern auch für Naturwissenschaftler lesenswert. Ein Haar ist allerdings wie meist in der Suppe! Der Verlag hat es nicht lassen können, das Buch optisch etwas aufzumotzen, so daß jetzt neben dem Text jeweils fettgedruckte "Zwischenüberschriften" ins Auge stechen. Warum das schlecht ist? Weil das ein absoluter Nichtfachmann gemacht hat, der in seiner "Schlagzeile" leider allzu oft das genaue Gegenteil von dem behauptet, was Fritzsch im Text schreibt! Ich würde dem Autor raten, den Verlag zu wechseln. Seit einiger Zeit tauchen übrigens immer mehr Verlage auf, die auch Science Fiction in ihr spezialisiertes Verlagsprogramm aufnehmen. So zum Beispiel der Medea Frauenverlag, der mit Joanna Russ' "Die Frauenstehlerin" SF für Feministinnen bietet. Die Sache ist nur die, daß die 'Heldin' der Geschichte dermaßen unsympathisch ist und durch ihre radikal feministische Grundhaltung derart handelt, daß man sich fragen muß, ob das nun typisch feministisch ist, oder ob sie nicht ganz richtig im Kopf ist. Paranoia wäre wohl der richtige Ausdruck, denn eine positive Grundhaltung anderen Menschen gegenüber fehlt völlig (Männer sind auch Menschen, oder?). Dieses übersteigerte Mißtrauen läßt sie am Schluß sogar ihren Geliebten töten, mit dem sie Jahrzehnte zusammengelebt hat. Der Sphinx-Verlag hat sich auf Beat-Literatur und ähnliches spezialisiert. In diese Richtung paßt auch die "New Wave" der Science Fiction. Joachim Körber, der sich auf die Übersetzung von solchen Texten konzentriert hat, stellte eine Anthologie 'Moderner spekulativer Literatur' zusammen: "Neue Welten". Wenn man sie sich allerdings näher ansieht, erhebt sich die Frage, warum sich diese, oft sehr intelligent geschriebener Texte fast ausschließlich mit Scheußlichkeiten, Brutalität, Fäkalien, Perversitäten usw. beschäftigen müssen. Möglicherweise war es die Reaktion auf die jahrzehntelange Prüderie, die die Schriftstellerei und besonders die SF beherrschte. Sieht man sich die Texte dieser Autoren an, die sie heute verfassen, merkt man nämlich deutlich, daß sie sich wieder auf einen Mittelwert eingependelt haben. Sie nehmen zwar kein Blatt vor den Mund, aber der Inhalt dominiert wieder, nicht die Freude über die Möglichkeit, Obszönitäten auch gedruckt sehen zu können. Nach der Lektüre einiger dieser Geschichten hat man jedenfalls die Nase von der "New Wave" voll. Daß nämlich auch unter gewissen Restriktionen, die Wortwahl betreffend, ganz ausgezeichnete Science Fiction geschrieben werden kann, bekommt man vom Verlag Hohenheim demonstriert. Dort ist als vierter Band der 15-bändigen Anthologienreihe eine Zusammenstellung über die "SF der Vierziger Jahre, Teil 2" erschienen. Zum Teil sind diese Geschichten und Kurzromane zwar schon bekannt, aber ein guter Text hat ja den Vorteil, daß man ihn immer wieder lesen kann. Und diese Geschichten gehören allesamt dazu.
(SOLARIS, Juni-August ´83)
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