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Dr. Gert Vogel

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David Weber

Lois McMaster Bujold

Elizabeth Moon

 
















 


SF-Online: Rezensionen Ak
tuell, 17.02.2003

SF und Fantasy, kritisch gelesen
von Dr. Gert Vogel

Subjektive Bemerkungen zu einigen aktuellen
Titeln der SF- und Fantasy-Literatur

Elizabeth Moon Sheepfarmers Daughter Baen
Elizabeth Moon Divided Allegiance Baen
Elizabeth Moon Oath of Gold Baen
Elizabeth Moon oder in einem Band als:
The Deed of Paksenarrion
Baen
Elizabeth Moon Rules of Engagement Baen
Elizabeth Moon Change of Command Baen
Elizabeth Moon Against the Odds Baen
David Weber War of Honor Baen
David Weber / John Ringo March to the Sea Baen
Dave Duncan Im Schatten des Khan Bastei-Lübbe
Dave Duncan Die Goldene Horde Bastei-Lübbe
Dave Duncan Die Rache des Khan Bastei-Lübbe
Charlotte MacLeod Der Balaclava-Protz DuMont

Bekannt wurde Elizabeth Moon vor allem wegen ihrer Trilogie um Paksenarrion, die Tochter eines Schäfers, die in die Welt hinauszieht um Abenteuer zu erleben, und die es tatsächlich schafft, ein von den Göttern erwählter Paladin zu werden (alle drei Bücher zusammen als "The Deed of Paksenarrion").
Zunächst muss sie aber erst das Schwerthandwerk lernen, und das geschieht als einfacher Rekrut in einer Söldnerkompanie, die auch Frauen aufnimmt.
In "Sheepfarmers Daughter" fasziniert vor allem Elizabeth Moons detaillierte Beschreibung des Lager- und Ausbildungslebens. Blaue Flecken und kleine Wunden sind nicht am nächsten Tag verschwunden, sondern schmerzen wie bei unsereins im richtigen Leben. Nach einer ernsthaften Verwundung sind wochenlange Ruhepausen und danach ein schweißtreibendes Training angesagt, bis es mit den Heldentaten weitergehen kann. Allzu groß sind diese am Anfang noch nicht, aber als Paksenarrion sich nach einem Überfall auf einen Vorposten als einzige durch die feindlichen Linien bis zu ihrer Kompanie durchschlagen kann um diese zu warnen, ist ihr Name bereits nicht mehr unbekannt.
Der feige Überfall, und vor allem die grausame Behandlung der dort gemachten Gefangenen, zieht Racheschwüre nach sich, und tatsächlich schließen sich erstmals die freien Söldnergruppen zu einem Feldzug gegen den im Süden hausenden Feind zusammen. Hier verdichten sich auch langsam die vorher nur vereinzelt auftretenden Hinweise auf das Wirken böser Gottheiten. Paksenarrion muss erste persönliche Bekanntschaft mit deren Vertretern schließen. Aber die guten Gottheiten, vor allem Gird, ein kämpferischer Bauer, der es bis zum Gott geschafft hat, scheinen auf ihrer Seite zu stehen.
Nach dem erfolgreichen Feldzug und der Ergreifung und Bestrafung des feindlichen Führers tritt aber der Alltag wieder in den Vordergrund. Die Kompanien sind gewisse Verpflichtungen eingegangen und müssen diese jetzt erfüllen. Die Säuberungsaktionen in den besiegten Gebieten unterscheiden sich nur wenig von den vorher bekämpften Gräueln und Paksenarrions Gewissen zehrt stärker an ihrer Substanz als die Kämpfe vorher.
In "Divided Allegiance" nimmt sie ihren Abschied und zieht wieder nach Norden. Ab hier geht die Geschichte ein Stück weiter wie ein typisches "Dungeons and Dragons"-Spiel: Magie, Elfen, Zwerge, Dämonen, böse Spinnengötter - alles kommt knüppeldick. Sie schlägt sich hervorragend und wird als Belohnung zu einer Ausbildung bei den Rittern von Gird vorgeschlagen. Hier hat sie ihren Traum erreicht. Aber nicht nur das: Da der Kampf gegen das Böse immer mehr Opfer fordert, wird sie sogar zu einer Paladin-Ausbildung zugelassen!
Aber das Böse schläft nicht und längst sind die Fäden der Spinnengottheit gesponnen. Sie entkommt zwar einer grausamen Gefangenschaft und Tortur, aber ihr Innerstes ist kontaminiert. Die Priesterschaft von Gird erkennt dies und greift zum letzten Mittel, dem Ausbrennen ihrer Seele. Dabei verliert sie allerdings auch den Kern ihres Selbst - ihren Mut. Vorbei ist es mit der genialen Schwertkämpferin, dem Paladin für das Gute, übrig bleibt eine junge Frau, die sich vor ihrem eigenen Schatten fürchtet. Sie will nicht in der mitleidigen Obhut des Ordens bleiben, wenigstens als Schäferin arbeiten, findet sich aber nach kurzer Zeit als mittellose Bettlerin auf der Straße wieder. Dann geht es aber wieder aufwärts ("Oath of Gold"). Sie wird ganz geheilt, findet ihren Mut wieder, wird zum Paladin, sucht und findet den verlorenen Königssohn der Elfenprovinz, opfert ihr Leben für diesen, bekämpft die vereinte Macht des Bösen, und wenn sie nicht gestorben ist ...
Man sieht, es wird nicht langweilig. Die Heldin und mit ihr der Leser durchlebt alle Höhen und Tiefen eines abenteuerlichen Lebens. Ausgespart wird eigentlich nur das Thema Sex.
Die drei Bücher bilden eine geschlossene Einheit. Ungelöste Rätsel aus Band 1 werden zum Teil erst im 3. Band geklärt, der 2. Band endet auf einem Tiefpunkt usw..
Moon wendet diese Art zu schreiben übrigens auch bei ihren SF-Romanen an. Die sieben Serrano Legacy - Bände z. B. bilden im Prinzip auch einen einzigen großen Roman, dessen Personen sich über Jahrzehnte entwickeln.
Die mittleren beiden Romane aus der "Serrano Legacy" sind ja bereits auf Deutsch erschienen. Es ist äußerst bedauerlich, dass dem Leser die drei vorherigen unterschlagen wurden, da er so die handelnden Personen gar nicht richtig einordnen kann.
Mit "Rules of Engagement", "Change of Command" und "Against the Odds" wird der Zyklus zu Ende gebracht. Vorher unbedeutende Figuren treten in den Vordergrund, andere werden ermordet, ein "Fluffhead" aus Band 1 wird zum ersten Sprecher des Weltenbunds gewählt und Heris Serrano wird Admiral.
Dazwischen liegen Abenteuer, Intrigen, Staatskrisen, Entführungen und Liebesgeschichten. Und dann die alte Frage: Geht die Geschichte gut aus oder heiraten sie? Sie heiraten - und damit fangen die Schwierigkeiten erst richtig an!
Es ist zu hoffen, dass Moons Bücher bald alle auf Deutsch erscheinen!

Kommen wir zu einem anderen Buch, für dessen 861 Seiten ich einen Haufen Geld hingelegt habe: "War of Honor" von David Weber. Sein neuestes Buch über Honor Harrington hinterlässt etwas zwiespältige Gefühle. Man ist zwar nie versucht, es ganz wegzulegen, aber strichweise (ca. 2/3 des Buches) hat man das Gefühl, Mitschnitte aus den Wahlkampfzentralen von SPD, CSU und FDP vor der Bundestagswahl zu lesen.
Nach dem gewonnenen Krieg: Die Falschen sind an der Macht. Interne Machtkämpfe, krumme Geldgeschäfte, Erpressungen, Gerangel um politische Macht, gefälschte Briefe, persönliche Anfeindungen und Hetzkampagnen sind das Hauptthema des ganzen Buches. Prominentestes Opfer wird Honor Harrington. Dabei sind doch nur bei der CSU, ääh, den Monarchisten die einzigen Ehrenmänner mit weißer Weste zu finden, die wissen, wie man die richtige Politik macht! Die ganzen anderen Gauner rüsten einfach ab, schicken die tapfersten Admiräle in Rente, dabei sichert doch nur ein starkes Militär den Frieden! Aber wir haben ja zum Glück noch Honor. Als dann - gaaanz zum Schluss des Buches - die Kämpfe wieder aufflackern, gewinnt sie als einzige ihre Schlacht und so wird dem Bösen gerade noch die Stirn geboten.
Puh, wir sind wieder am gleichen Punkt wie vor dem Krieg mit den Peeps. Ist das jetzt gut, weil Weber wieder mit interessanteren Büchern weitermachen kann, oder hat der Leser einfach eine Menge Zeit nutzlos vergeudet?
Ich persönlich wünschte mir, dass dieses Buch - wie ganz früher jedes SF-Buch bei Goldmann - auf 196 Seiten gekürzt würde. Dieser Rest wäre inspirierend, spannend, kurz: einem Honor Harrington-Roman würdig. So würde ich leider sagen: Lasst lieber die Finger davon, vermiest euch nicht die guten Erinnerungen an Honor Harrington!

Anders ist es bei "March to the Sea", das Weber mit John Ringo zusammen geschrieben hat.
Die Fortsetzung der Geschichte des auf einem unterentwickelten Planeten abgestürzten Thronfolgers des galaktischen Empires, der sich von einer weinerlichen Memme zur Führungspersönlichkeit entwickelt, während er sich mit seiner Wachkompanie um den halben Planetenumfang kämpft, gewinnt an Tiefe. Die handelnden Personen erhalten ein Profil, die privaten Interaktionen zwischen ihnen sind nachvollziehbar, nehmen einen breiteren Raum ein und machen sich im Fortgang der Geschichte immer stärker bemerkbar. Es sterben keine namenlosen Soldaten mehr, sondern Menschen, die man als solche kennen gelernt hat. Der abschließende Band "March to the Stars" wird interessant werden.

Beim Bastei-Lübbe-Verlag hat man einen Flop von Dave Duncan veröffentlicht, der in den USA unter Pseudonym erschienen und wegen mangelndem Interesse nach drei Bänden ohne Schluss eingestellt worden war.
Die redaktionelle Betreuung bei Bastei ist nur als mangelhaft zu bezeichnen. Der "keltische Hintergrund", groß im Klappentext herausgestellt, beschränkt sich in Wirklichkeit darauf, dass nach der Besetzung Schottlands englische Soldaten mit jungen schottischen Frauen einige ungewollte und ungeliebte Kinder gezeugt haben, unter anderem den Protagonisten Longdirk, dem jeder sofort ansieht, dass er kein Schotte ist. Der Rest der Klappentexte deutet ebenso wie die total unpassenden Titel der Bücher darauf hin, dass beim Verlag wohl niemand außer dem Übersetzer sie überhaupt gelesen hat.
"Die Legende von Longdirk dem Highlander" (Die Goldene Horde, Im Schatten des Khan, Die Rache des Khan) heißt der eigentlich auf vier Teile ausgelegte Zyklus. Die Bücher sind eigentlich ganz passabel, aber nicht unbedingt das, was man seinen Freunden aus wärmstem Herzen weiter empfiehlt. Einige Details sind zwar gerade im Vergleich zu Moons Paksenarrion interessant, so wird stellenweise auch hier detailliert auf den Aufbau von mittelalterlichen Söldnerarmeen eingegangen und teilweise klingt Duncan glaubhafter als Moon, aber was bringt mir das, wenn ich mitten in einem Fortsetzungsroman hängen gelassen werde? Das ist wie "Herr der Ringe", von dem man nur zwei Bände gelesen hat. Hmm, so gesehen also eigentlich kein großer Verlust.

Lassen wir dieses Thema und wenden uns vergnüglicheren Dingen zu:
Von Martin Scott sind inzwischen bei Blanvalet weitere drei Bände der "Geheimnisse von Turai" mit dem leidlich magisch begabten, versoffenen Privatdetektiv Thraxas erschienen (Das Zaubergift, Das Wagenrennen, Die Reise zu den Elfeninseln (wobei dieses Buch etwas schwächer als die anderen war)).
Je mehr man von dieser Reihe liest, um so stärker kristallisiert sich heraus, dass Scott neben Humor auch eine Begabung für wirklich logisch schlüssige Kriminalromane hat. Durch die Ausweitung des klassischen Kriminalromans auf das Feld der Magie eröffnen sich  neue Möglichkeiten, die Scott weidlich ausnützt. Dennoch sind die Motive und Handlungsweisen der Figuren am Schluss nachvollziehbar, der Leser wird voll befriedigt, der Kauf des nächsten Bandes ist beschlossene Sache. Dennoch fällt Ihnen vielleicht auf, dass ich es durchaus abwarten kann, bis die Bücher auf Deutsch erscheinen..., der letzte Tick zum Süchtigwerden nach diesen Geschichten fehlt wohl doch.

Zum Abschluss ein Ausflug in ein anderes Genre. Der Unterschied zwischen der Buchbestellung bei einem Online-Versender und dem Besuch einer Buchhandlung ist unter anderem der, dass einem im Buchladen auch Titel ins Auge stechen, die man Online nie zu Gesicht bekäme.
So habe ich mir neulich für erschwingliche € 12,- einen Sammelband mit vier Kriminalromanen von Charlotte MacLeod mitgenommen, der mir durch den Titel "Der Balaclava-Protz" aufgefallen war. Als Abwechslung nach all den Fantasy- und SF-Titeln war dieser Ausflug in die Krimi-Komik auch ganz erfrischend.
Aufgefallen ist mir allerdings dabei ganz stark, dass die Konzentration an Sekundärinformation, die ich bei guten SF- und Fantasy-Büchern als gegeben hinnehme, hier praktisch nicht vorhanden war. Das soll heißen, dass ich z. B. nach der Lektüre von Modesitts Recluce-Büchern genau informiert war, wie gute Holzmöbel oder metallene Waffen hergestellt werden, Elizabeth Moon hat mir vor kurzem eine Einführung in den Reit- und Fuchsjagd-Sport gegeben, der mein Bild davon ziemlich geändert hat, ebenso bin ich jetzt recht gut im Bilde, was es heißt, mit einem Schwert oder einer Axt kämpfen zu wollen. Die Liste ist fast endlos, wie gute Autoren mir ihr eigenes Wissen oder gut recherchierte Informationen über alle möglichen Spezialgebiete unauffällig in ihren Büchern untergejubelt haben.
Die Kriminalromane von MacLeod, die an einem landwirtschaftlichen College in Balaclava spielen, und deren Hauptperson ein Professor für Pflanzenzucht ist, der durch eine äußerst ertragreiche Rübe, eben den "Balaclava-Protz", hervorgetreten ist, würden ebenso viel Raum für fundierte Wissensübermittlung bieten, beschränken sich aber hauptsächlich auf die Schilderung der Eigenarten einer Reihe von stereotypen amerikanischen College-, Kleinstadt- und Landkreisbewohnern. Dies bietet zwar Raum für etwas skurrilen Humor und dem Durchschnitts-Deutschen auch einen Einblick in eine fremdartige Kultur, nutzt sich aber gerade in einem Sammelband schnell ab.
Ganz nett, aber keine Konkurrenz!

Dr. Gert Vogel