Bekannt wurde Elizabeth Moon vor allem wegen ihrer Trilogie
um Paksenarrion, die Tochter eines Schäfers, die in die Welt hinauszieht um
Abenteuer zu erleben, und die es tatsächlich schafft, ein von den Göttern
erwählter Paladin zu werden (alle drei Bücher zusammen als "The Deed of Paksenarrion").
Zunächst muss sie aber erst das Schwerthandwerk lernen, und das geschieht als
einfacher Rekrut in einer Söldnerkompanie, die auch Frauen aufnimmt.
In
"Sheepfarmers Daughter" fasziniert vor allem Elizabeth Moons detaillierte
Beschreibung des Lager- und Ausbildungslebens. Blaue Flecken und kleine Wunden
sind nicht am nächsten Tag verschwunden, sondern schmerzen wie bei unsereins im richtigen
Leben. Nach einer ernsthaften Verwundung sind wochenlange Ruhepausen und danach
ein schweißtreibendes Training angesagt, bis es mit den Heldentaten weitergehen
kann. Allzu groß sind diese am Anfang noch nicht, aber als Paksenarrion sich
nach einem Überfall auf einen Vorposten als einzige durch die feindlichen Linien
bis zu ihrer Kompanie durchschlagen kann um diese zu warnen, ist ihr Name
bereits nicht mehr unbekannt.
Der feige Überfall, und vor allem die grausame Behandlung der dort gemachten
Gefangenen, zieht Racheschwüre nach sich, und tatsächlich schließen sich
erstmals die freien Söldnergruppen zu einem Feldzug gegen den im Süden hausenden
Feind zusammen. Hier verdichten sich auch langsam die vorher nur vereinzelt
auftretenden Hinweise auf das Wirken böser Gottheiten. Paksenarrion muss erste
persönliche Bekanntschaft mit deren Vertretern schließen. Aber die guten
Gottheiten, vor allem Gird, ein kämpferischer Bauer, der es bis zum Gott
geschafft hat, scheinen auf ihrer Seite zu stehen.
Nach dem erfolgreichen Feldzug und der Ergreifung und Bestrafung des feindlichen
Führers tritt aber der Alltag wieder in den Vordergrund. Die Kompanien sind
gewisse Verpflichtungen eingegangen und müssen diese jetzt erfüllen. Die
Säuberungsaktionen in den besiegten Gebieten unterscheiden sich nur wenig von den
vorher bekämpften Gräueln und Paksenarrions Gewissen zehrt stärker an
ihrer Substanz als die Kämpfe vorher.
In "Divided Allegiance" nimmt sie ihren Abschied und zieht wieder nach Norden.
Ab hier geht die Geschichte ein Stück weiter wie ein typisches "Dungeons and
Dragons"-Spiel: Magie, Elfen, Zwerge, Dämonen, böse Spinnengötter - alles kommt
knüppeldick. Sie schlägt sich hervorragend und wird als Belohnung zu einer
Ausbildung bei den Rittern von Gird vorgeschlagen. Hier hat sie ihren Traum
erreicht. Aber nicht nur das: Da der Kampf gegen das Böse immer mehr Opfer
fordert, wird sie sogar zu einer Paladin-Ausbildung zugelassen!
Aber das Böse schläft nicht und längst sind die Fäden der Spinnengottheit
gesponnen. Sie entkommt zwar einer grausamen Gefangenschaft und Tortur, aber ihr
Innerstes ist kontaminiert. Die Priesterschaft von Gird erkennt dies und greift
zum letzten Mittel, dem Ausbrennen ihrer Seele. Dabei verliert sie allerdings
auch den Kern ihres Selbst - ihren Mut. Vorbei ist es mit der genialen
Schwertkämpferin, dem Paladin für das Gute, übrig bleibt eine junge Frau, die
sich vor ihrem eigenen Schatten fürchtet. Sie will nicht in der mitleidigen Obhut des Ordens
bleiben, wenigstens als Schäferin arbeiten, findet sich aber nach kurzer Zeit als mittellose Bettlerin auf der
Straße wieder. Dann geht es aber wieder aufwärts ("Oath of Gold"). Sie wird ganz
geheilt, findet ihren Mut wieder, wird zum Paladin, sucht und findet den
verlorenen Königssohn der Elfenprovinz, opfert ihr Leben für diesen, bekämpft
die vereinte Macht des Bösen, und wenn sie nicht gestorben ist ...
Man sieht, es wird nicht langweilig. Die Heldin und mit ihr der Leser durchlebt
alle Höhen und Tiefen eines abenteuerlichen Lebens. Ausgespart wird eigentlich
nur das Thema Sex.
Die drei Bücher bilden eine geschlossene Einheit. Ungelöste Rätsel aus Band 1
werden zum Teil erst im 3. Band geklärt, der 2. Band endet auf einem Tiefpunkt
usw..
Moon wendet diese Art zu schreiben übrigens auch bei ihren SF-Romanen an.
Die sieben Serrano Legacy - Bände z. B. bilden im Prinzip auch einen einzigen großen
Roman, dessen Personen sich über Jahrzehnte entwickeln.
Die mittleren beiden Romane aus der "Serrano Legacy" sind ja
bereits auf Deutsch erschienen. Es ist äußerst bedauerlich, dass dem Leser die
drei vorherigen unterschlagen wurden, da er so die handelnden Personen gar nicht
richtig einordnen kann.
Mit "Rules of Engagement", "Change of Command" und "Against the Odds" wird der
Zyklus zu Ende gebracht. Vorher unbedeutende Figuren treten in den Vordergrund,
andere werden ermordet, ein "Fluffhead" aus Band 1 wird zum ersten Sprecher des
Weltenbunds gewählt und Heris Serrano wird Admiral.
Dazwischen liegen Abenteuer, Intrigen, Staatskrisen, Entführungen und
Liebesgeschichten. Und dann die alte Frage: Geht die Geschichte gut aus oder
heiraten sie? Sie heiraten - und damit fangen die Schwierigkeiten erst richtig
an!
Es ist zu hoffen, dass Moons Bücher bald alle auf Deutsch erscheinen!
Kommen wir zu einem anderen Buch, für dessen 861 Seiten ich
einen Haufen Geld hingelegt habe: "War of Honor" von David Weber. Sein neuestes
Buch über Honor Harrington hinterlässt etwas zwiespältige Gefühle. Man ist zwar
nie versucht, es ganz wegzulegen, aber strichweise (ca. 2/3 des Buches) hat man
das Gefühl, Mitschnitte aus den Wahlkampfzentralen von SPD, CSU und FDP vor der
Bundestagswahl zu lesen.
Nach dem gewonnenen Krieg: Die Falschen sind an der Macht. Interne Machtkämpfe,
krumme Geldgeschäfte, Erpressungen, Gerangel um politische Macht, gefälschte
Briefe, persönliche Anfeindungen und Hetzkampagnen sind das Hauptthema des
ganzen Buches. Prominentestes Opfer wird Honor Harrington. Dabei sind doch nur
bei der CSU, ääh, den Monarchisten die einzigen Ehrenmänner mit weißer Weste zu
finden, die wissen, wie man die richtige Politik macht! Die ganzen anderen Gauner rüsten
einfach ab,
schicken die tapfersten Admiräle in Rente, dabei sichert doch nur ein starkes
Militär den Frieden! Aber wir haben ja zum Glück noch Honor. Als dann - gaaanz
zum Schluss des Buches - die Kämpfe wieder aufflackern, gewinnt sie als einzige
ihre Schlacht und so wird dem Bösen gerade noch die Stirn geboten.
Puh, wir sind wieder am gleichen Punkt wie vor dem Krieg mit den Peeps. Ist das
jetzt gut, weil Weber wieder mit interessanteren Büchern weitermachen kann, oder
hat der Leser einfach eine Menge Zeit nutzlos vergeudet?
Ich persönlich wünschte mir, dass dieses Buch - wie ganz früher jedes SF-Buch
bei Goldmann - auf 196 Seiten gekürzt würde. Dieser Rest wäre inspirierend,
spannend, kurz: einem Honor Harrington-Roman würdig. So würde ich leider sagen:
Lasst lieber die Finger davon, vermiest euch nicht die guten Erinnerungen an
Honor Harrington!
Anders ist es bei "March to the Sea", das Weber mit John
Ringo zusammen geschrieben hat.
Die Fortsetzung der Geschichte des auf einem unterentwickelten Planeten
abgestürzten Thronfolgers des galaktischen Empires, der sich von einer
weinerlichen Memme zur Führungspersönlichkeit entwickelt, während er sich mit
seiner Wachkompanie um den halben Planetenumfang kämpft, gewinnt an Tiefe. Die
handelnden Personen erhalten ein Profil, die privaten Interaktionen zwischen
ihnen sind nachvollziehbar, nehmen einen breiteren Raum ein und machen sich im
Fortgang der Geschichte immer stärker bemerkbar. Es sterben keine namenlosen
Soldaten mehr, sondern Menschen, die man als solche kennen gelernt hat. Der
abschließende Band "March to the Stars" wird interessant werden.
Beim Bastei-Lübbe-Verlag hat man einen Flop von Dave Duncan
veröffentlicht, der in den USA unter Pseudonym erschienen und wegen
mangelndem Interesse nach drei Bänden ohne Schluss eingestellt worden war.
Die redaktionelle Betreuung bei Bastei ist nur als mangelhaft zu bezeichnen. Der
"keltische Hintergrund", groß im Klappentext herausgestellt, beschränkt sich
in Wirklichkeit darauf, dass nach der Besetzung Schottlands englische Soldaten mit jungen
schottischen Frauen einige ungewollte und ungeliebte Kinder gezeugt haben, unter
anderem den Protagonisten Longdirk, dem jeder sofort ansieht, dass er kein
Schotte ist. Der Rest der Klappentexte deutet ebenso wie die total unpassenden
Titel der Bücher darauf hin, dass beim Verlag wohl niemand außer dem Übersetzer
sie überhaupt gelesen hat.
"Die Legende von Longdirk dem Highlander" (Die Goldene Horde, Im
Schatten des Khan, Die Rache des Khan) heißt der eigentlich auf vier Teile
ausgelegte Zyklus. Die Bücher sind eigentlich ganz passabel,
aber nicht unbedingt das, was man seinen Freunden aus wärmstem Herzen weiter
empfiehlt. Einige Details sind zwar gerade im Vergleich zu Moons Paksenarrion
interessant, so wird stellenweise auch hier detailliert auf den Aufbau von
mittelalterlichen Söldnerarmeen eingegangen und teilweise klingt Duncan
glaubhafter als Moon, aber was bringt mir das, wenn ich mitten in einem
Fortsetzungsroman hängen gelassen werde? Das ist wie "Herr der Ringe", von dem
man nur zwei Bände gelesen hat. Hmm, so gesehen also eigentlich kein großer
Verlust.
Lassen wir dieses Thema und wenden uns vergnüglicheren
Dingen zu:
Von Martin Scott sind inzwischen bei Blanvalet weitere drei Bände der
"Geheimnisse von Turai" mit dem leidlich magisch begabten, versoffenen
Privatdetektiv Thraxas erschienen (Das Zaubergift, Das Wagenrennen, Die Reise zu
den Elfeninseln (wobei dieses Buch etwas schwächer als die anderen war)).
Je mehr man von dieser Reihe liest, um so stärker kristallisiert sich heraus, dass Scott neben
Humor auch eine Begabung für wirklich logisch schlüssige Kriminalromane hat.
Durch die Ausweitung des klassischen Kriminalromans auf das Feld der Magie
eröffnen sich neue Möglichkeiten, die Scott weidlich ausnützt. Dennoch
sind die Motive und Handlungsweisen der Figuren am Schluss nachvollziehbar, der
Leser wird voll befriedigt, der Kauf des nächsten Bandes ist beschlossene Sache.
Dennoch fällt Ihnen vielleicht auf, dass ich es durchaus abwarten kann, bis die
Bücher auf Deutsch erscheinen..., der letzte Tick zum Süchtigwerden nach diesen
Geschichten fehlt wohl doch.
Zum Abschluss ein Ausflug in ein anderes Genre. Der
Unterschied zwischen der Buchbestellung bei einem Online-Versender und dem
Besuch einer Buchhandlung ist unter anderem der, dass einem im Buchladen auch
Titel ins Auge stechen, die man Online nie zu Gesicht bekäme.
So habe ich mir neulich für erschwingliche € 12,- einen Sammelband mit vier
Kriminalromanen von Charlotte MacLeod mitgenommen, der mir durch den Titel "Der
Balaclava-Protz" aufgefallen war. Als Abwechslung nach all den Fantasy- und
SF-Titeln war dieser Ausflug in die Krimi-Komik auch ganz erfrischend.
Aufgefallen ist mir allerdings dabei ganz stark, dass die Konzentration an
Sekundärinformation, die ich bei guten SF- und Fantasy-Büchern als gegeben
hinnehme, hier praktisch nicht vorhanden war. Das soll heißen, dass ich z. B.
nach der Lektüre von Modesitts Recluce-Büchern genau informiert war, wie gute
Holzmöbel oder metallene Waffen hergestellt werden, Elizabeth Moon hat mir vor
kurzem eine Einführung in den Reit- und Fuchsjagd-Sport gegeben, der mein Bild
davon ziemlich geändert hat, ebenso bin ich jetzt recht gut im Bilde, was es
heißt, mit einem Schwert oder einer Axt kämpfen zu wollen. Die Liste ist fast
endlos, wie gute Autoren mir ihr eigenes Wissen oder gut recherchierte
Informationen über alle möglichen Spezialgebiete unauffällig in ihren Büchern
untergejubelt haben.
Die Kriminalromane von MacLeod, die an einem landwirtschaftlichen College in
Balaclava spielen, und deren Hauptperson ein Professor für Pflanzenzucht ist,
der durch eine äußerst ertragreiche Rübe, eben den "Balaclava-Protz",
hervorgetreten ist, würden ebenso viel Raum für fundierte Wissensübermittlung
bieten, beschränken sich aber hauptsächlich auf die Schilderung der Eigenarten
einer Reihe von stereotypen amerikanischen College-, Kleinstadt- und
Landkreisbewohnern. Dies bietet zwar Raum für etwas skurrilen Humor und dem
Durchschnitts-Deutschen auch einen Einblick in eine fremdartige Kultur, nutzt
sich aber gerade in einem Sammelband schnell ab.
Ganz nett, aber keine Konkurrenz!